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Artikel | Haus & Garten 2/2004

Für das reine Kundengewissen

Textillabels versprechen viel: Ökologische Rohstoffe, umweltfreundliche Herstellung und neuerdings auch noch faire Arbeitsbedingungen. Letzteres kann aber kaum überprüft werden.

Das Geschäft mit dem guten Gewissen boomt. Was im Food-Bereich schon längst zum Normalangebot gehört, fasst auch im Textilmarkt langsam Fuss. Labels für Kleider, die aus ökologischen Rohstoffen hergestellt oder umweltschonend verarbeitet wurden, gibt es schon länger. Neu sollen sie aber auch unter fairen Arbeitsbedingungen produziert worden sein. Die Konsumenten wollen auch Textilien mit gutem Gewissen kaufen können - nicht nur Bananen oder Kaffee: Mit Naturaline-Textilien setzte Coop 2002 etwa 26 Millionen Franken um. Zum Vergleich: 1996 waren es erst 10 Millionen. Die Migros, bei der 60 Prozent des Textilsortiments mit dem weniger anforderungsreichen Eco-Label versehen sind, hat 2002 sogar einen Umsatz von 411 Millionen Franken erzielt.

Das wohl bekannteste unabhängige Label der Schweiz vergibt die Max-Havelaar-Stiftung. Im Textilbereich ist sie aber noch nicht in Erscheinung getreten. Das jedoch könnte sich ändern: Seit zwei Jahren befasst sich eine interne Projektgruppe mit der Frage, ob auch Textilien mit dem Max-Havelaar-Gütesiegel ausgezeichnet werden könnten. «Wir prüfen die Machbarkeit einer Fair-Trade-Zertifizierung einzelner Rohstoffe oder Produktionsetappen», erklärt Projektleiterin Doris Gerber. Die Schwierigkeit eines Fair-Trade-Kleiderlabels: Der Herstellungsprozess von Textilien setzt sich aus zahlreichen Verarbeitungsschritten zusammen.


Verhaltenskodex für Lieferanten

Hier sieht auch Christoph Meier von «labelinfo.ch» - einer Informationsstelle der privat und staatlich finanzierten Stiftung für praktischen Umweltschutz - den Grund dafür, dass Textillabels noch nicht so verbreitet sind wie Lebensmittel-Zertifikate: «Die Produktionskette bei Textilien ist ungleich komplexer als etwa im Kaffee-Business.» Trotzdem haben einige Firmen Textillabels kreiert, um den Konsumenten zu zeigen: «Siehe da, wir sorgen uns auch.»

Zum Beispiel Coop: «Wir fördern mit Naturaline sowohl ökologische als auch soziale Anliegen», versichert Carine Boetsch, Projektleiterin Coop Naturaline. Jeder einzelne Produktionsschritt werde von einem externen Unternehmen daraufhin überprüft, ob er mit den Coop-internen Richtlinien vereinbar sei. Sei dies nicht der Fall, würden umgehend Korrekturmassnahmen eingeleitet, sagt Boetsch. Auch die Migros hat einen Verhaltenskodex erlassen, an den sich ihre Lieferanten halten müssen. Unter der Dachmarke «Engagement» verkauft Migros unter anderem Kleider, die nach besonderen ökologischen oder sozialen Kriterien hergestellt werden sollten. Inwiefern diese auch eingehalten werden, ist unklar, denn: «Die lückenlose Kontrolle von sozialen Standards ist sehr schwierig», sagt Meier von «labelinfo.ch». «Es fehlen heute noch die entsprechenden Institutionen und Kontrollmechanismen.» Anders als bei den reinen Öko-Labels: Dafür genügen mehr oder weniger simple Labortests.

Damit hat denn auch alles begonnen: Die Konsumenten verlangten und verlangen zunehmend nach Kleidungsstücken, die umweltfreundlich hergestellt werden und die, auf der Haut getragen, keine Allergien auslösen. Mit Öko-Labels konnten die Firmen relativ einfach auf die Bedürfnisse der Käufer reagieren.

Das heute am weitesten verbreitete Öko-Textillabel ist der Öko-Tex-Standard 100. Damit ein Endprodukt so zertifiziert werden kann, darf es gewisse Grenzwerte für Schwermetalle, Pestizide oder Formaldehyd nicht überschreiten. Die Produktion aber wird nicht kontrolliert.


Statt sich zusammenzutun, bleiben Firmen bei Eigenlabels

Dafür wurde dann der Öko-Tex-Standard 1000 kreiert: Dieser verlangt, dass nicht nur das Kleidungsstück schadstofffrei ist, sondern dass es auch unter umweltfreundlichen Bedingungen hergestellt wurde. Auch die Arbeitsplätze in der Produktionskette müssen gewissen Anforderungen genügen: Die Angestellten müssen gegen Lärm und Staub geschützt werden, Kinderarbeit ist untersagt. Ein erster Schritt in Richtung eines so genannten Soziallabels.
Spätestens die «Clean Clothes Campaign» (CCC) der Hilfswerke Brot für alle, Erklärung von Bern und Fastenopfer sensibilisierte die breite Bevölkerung dafür, dass in vielen Produktionsstätten in Schwellenländern die Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen teilweise eigentliche Sklavenarbeit verrichten: keine Rechte, kein Schutz, wenig Lohn, aber viele Arbeitsstunden. Und wer nicht spurt, fliegt raus. Das Credo von CCC lautet: Die Kunden in der Schweiz haben es in der Hand, durch bewusste Kleiderkäufe Druck auf die Grosshändler auszuüben, die wiederum ihre Lieferanten zu besseren Arbeitsbedingungen zwingen können.

Allerdings gehen die Firmen noch ihre eigenen Wege: Statt sich auf Standards zu einigen, ein gemeinsames Label zu betreiben und sich die Kontrollkosten zu teilen, bleiben sie lieber bei ihren eigenen Hauslabels.

Sie seien zwar für Zusammenarbeit offen, sagt Fausta Borsani, Ethikbeauftragte bei der Migros. Aber es gebe zu Eco von der Migros bisher keine gleichwertigen Labels. Und zudem: «Wir wollen kontrollieren, was wir verlangen.» Auch bei Coop heisst es, sie wollten ihren Standard so hoch als möglich halten. Alleine gehe das besser.

Kritiker bemängeln, die Labels mit sozialen Aspekten dienten in erster Linie dazu, das Gewissen des Kunden zu kaufen, und nur sekundär, für mehr Fairness auf der Welt zu sorgen.



Labels: Je unabhängiger, desto glaubwürdiger

Sich im Dschungel der Labels zurechtzufinden, ist keine einfache Sache. Viele Unternehmen haben ihre eigenen Labels geschaffen und in schöne Worte gekleidet, dass auch sie etwas für Umwelt, Gesundheit und Arbeitsbedingungen tun. Doch: Firmeneigene Zertifikate sind oft wenig glaubwürdig, weil die Einhaltung ihrer Standards nicht unabhängig überprüft werden kann. Was die Labels nach eigenen Angaben leisten:


Öko-Tex- Standard 100/1000/100plus
Das wohl verbreitetste Textillabel.
Standard 100: Internationales Label für textile Endprodukte ohne Schadstoffe. Für verschiedene Substanzen sind sehr niedrige Grenzwerte gesetzt, etwa für Schwermetalle, Pestizide, Formaldehyd, chlorierte Phenole, Weichmacher. Verboten sind problematische Ausrüstungen mit krebserregenden, allergieauslösenden Chemikalien, ebenso Biozid- oder flammenhemmende Ausrüstungen.
Standard 1000: Label für Umweltmanagementsystem in der Produktion. Überprüft wird die Umweltleistung textiler Betriebsstätten und die umweltverträgliche Herstellung textiler Produkte. Wird an Betriebe vergeben, nicht an Kleidungsstücke. Mindestens 30 Prozent der produzierten Textilien müssen mit dem Öko-Tex-Standard 100 gekennzeichnet sein.
Standard 100plus: Für Kleidungsstücke, die in mit Standard 1000 ausgezeichneten Betrieben hergestellt werden und die Kriterien des Standard-100-Labels erfüllen.
www.oeko-tex.com



Naturtextil Better/Best
Für vollständig aus Naturstoffen hergestellte Textilien. Bei der Verarbeitung dürfen keine umwelt- oder gesundheitsbelastenden Chemikalien eingesetzt werden. Für die Beschäftigten müssen faire Arbeitsbedingungen nach den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation eingehalten werden. Das Label wird in zwei Stufen vergeben: Naturtextil «Better» für Bekleidung, welche die ökologischen und sozialen Basisanforderungen der Naturtextilindustrie erfüllt, Naturtextil «Best» kriegt, wer die höchsten realisierbaren Öko-Standards in der Textilbranche erfüllt.
www.naturtextil.com


Coop Naturaline
Vereint ökologische und soziale Anforderungen. Vergeben wird es durch ein Coop-internes Team, eine externe Gesellschaft überwacht nach Massgabe der Coop-Naturaline-Richtlinie die Zulieferer. Verlangt wir vor allem
- Fair Trade: Abnahmegarantie für die Baumwollbauern bei höheren Preisen.
- Soziale Kriterien für Anbau und Verarbeitung: keine missbräuchliche Kinder- und Zwangsarbeit, sichere und menschenwürdige Arbeitsplätze, langfristige Handelsbeziehungen.
http://naturaplan.coop.ch


ECO (Migros)
Label für ökologisch und sozialverträglich hergestellte Kleider. Jeder Migros-Lieferant muss sich an Migros-interne Richtlinien halten. Jeder Arbeitsschritt der Produktion wird weltweit dahingehend überprüft. Der Einsatz von umweltgefährdenden und allergenen Stoffen ist verboten. Die ökologischen Prinzipien werden durch soziale Aspekte wie Sicherheit am Arbeitsplatz, Hygiene, medizinische Versorgung und Verpflegung ergänzt. Kinderarbeit ist verboten.
www.engagement.ch


BioBaumwolle (Migros)
Wenn BioBaumwolle draufsteht, handelt es sich ebenfalls um ein Eco-Produkt. Das Label steht für biologischen Anbau: keine Pestizide oder Herbizide, dafür Kompost als Düngemittel.
www.engagement.ch



Labelinfo.ch:
Informationsstelle für Umwelt- und Soziallabels der Stiftung Pusch «Praktischer Umweltschutz Schweiz».
www.labelinfo.ch

05. Mai 2004 | Jean François Tanda


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