|
(0) |
Aloe-Vera-Gel hilft gegen Mückenstiche und Sonnenbrand. Was die Pflanze sehr gut kann: die Umsätze von Saft-, Waschmittel- und Kleiderverkäufern steigern.
Für Marketing-Manager ist Aloe Vera ein gefundenes Fressen. Die exotische Pflanze hat eine unverwüstlich positive Aura. Die schöne Kleopatra habe sich mit Aloe-Gel eingerieben; und Karl der Grosse habe seine verwundeten Krieger damit behandeln lassen. Sicher ist: Das frische Gel aus dem Blattinnern wirkt leicht desinfizierend auf der Haut.
Dank gewieften Werbeversprechen hat Aloe Vera mittlerweile einen Kultstatus: Mit ihr lassen sich Joghurts und Drinks, Waschmittel, Hautcremes, Hemden und Socken verkaufen. «Über Aloe Vera wird viel Unsinn geschrieben», sagt Bernd Diehl, der weltweit führende Wissenschafter für die Analyse von Aloe Vera. Diehl leitet in Köln das Labor Spectral Service, wo er für die allermeisten Produzenten und Händler von Aloe Vera untersucht, wie naturbelassen der Aloe-Anteil in einem Produkt ist. Für Bernd Diehl ist klar: «Je näher ein Produkt an der ursprünglichen Anwendung von Aloe Vera ist, desto eher können wir die belegten Wirkungen annehmen.»
Entscheidend ist der Anteil von Aloe Vera im Produkt
Das heisst: Aloe Vera in möglichst naturbelassener Form in Cremes oder Hautsprays kann bei Sonnenbrand oder Hautrötungen helfen. Doch auch hier müssen die Konsumenten aufpassen. Manche Creme verkauft sich gut, weil sie «mit Aloe Vera» angeschrieben ist. Entscheidend ist die Konzentration des Grundstoffes im Endprodukt.
Die Verkäufer bei der amerikanischen Firma Forever Living Products (FLP) greifen tief in die Werbertrickkiste, wenn sie ihren Aloe-Vera-Saft in der Schweiz unter die Leute bringen wollen. FLP stellt den Saft grossindustriell in Amerika her und verkauft ihn gefiltert und stark konserviert für 40 Franken pro Liter. Von «naturbelassen», wie die FLP-Werbung verspricht, also keine Spur.
Susanna Graf, eine der erfolgreichsten FLP-Verkäuferinnen, lobt den Saft in den höchsten Tönen: «Mir hat er bei meinen Darmbeschwerden stark geholfen, er macht mich vital und gibt mir Kraft.» Susanna Graf unterlässt geflissentlich allgemeine Heilversprechen für ihre Produkte, spricht aber unablässig aus persönlicher Erfahrung von der starken Wirkung des Safts. Sie weiss: Heilversprechen für Nahrungsergänzungsmittel sind gesetzlich verboten. Kurt Hostettmann, Professor am Institut für Pharmakologie und Phytochemie der Universität Lausanne: «Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Aloe Vera, wenn man sie isst oder trinkt, einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat.» Die wahre Wirkung des FLP-Safts dürfte im Vertriebssystem liegen. FLP verkauft ihre Produkte weltweit in einem schneeballähnlichen Strukturvertrieb. Potenzielle Verkäufer werden an Präsentationen mit Versprechen geködert, man könne als Privatperson mit dem Verkauf von FLP-Produkten ein anständiges Sackgeld bis hin zu 20 000 Franken im Monat verdienen - je nach Umsatz.
Emmi: Falsche Heilversprechen für Joghurt
Die Schweizer Konsumenten haben die Wahl: In Drogerien werden Aloe-Vera-Säfte angeboten, die zu einem vergleichbaren Preis bio-zertifiziert sind und die keine oder nur wenig Konservierungsstoffe enthalten. Eine wundersame Heilwirkung darf man aber auch hier nicht erwarten.
Auch der Nahrungsmittelkonzern Emmi hat die Zeichen der Zeit erkannt und verkauft Aloe Vera seit einem Jahr als Zugabe in Joghurts und Drinks. Der frische Geschmack des Lifestyle-Produkts hat mit Aloe Vera überhaupt nichts zu tun: Sie schmeckt nämlich fade und leicht bitter. Noch nie habe ein Produkt bei Emmi einen solch fulminanten Start hingelegt, erzählt ein sichtlich begeisterter Erich Kienle, Marketingleiter bei Emmi. 20 Millionen Franken Umsatz, 80 Prozent Marktanteil und eine voraussichtliche Steigerung um 20 Prozent sind Traumzahlen.
Doch auch Emmi verspricht zu viel. Anton Tuor, Kantonschemiker von Luzern, prüft eine Anzeige gegen den Lebensmittelkonzern. Emmi macht nämlich im Internet Heilversprechen im Zusammenhang mit dem Joghurt. Da ist immer wieder von der erstaunlichen Wirkung der Heilpflanze Aloe Vera die Rede und davon, dass Aloe Vera aussen wie innen gleich wirke.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Aloe-Marketingwelle in der Waschmittel- und Textilindustrie. Lever wirbt für ihr neustes Omo mit Aloe Vera mit dem Slogan «natürlich sanft zur Haut». Auf Anfrage von Kassensturz hält sich die Firma aber zurück: Sie will nicht bestätigen, dass die angebliche Milde aus der Aloe Vera kommt. Sie hält auch geheim, wie viel Aloe Vera im Pulver drin ist. Vergleichbare Produkte geben einen Gehalt von 2 Prozent an. Die rhetorische Frage drängt sich auf: Was kann ein fragiles Naturprodukt wie das Gel der Aloe Vera noch bewirken, nachdem es in einer 60 Grad heissen Seifenlauge war?
Die Antwort: Das positive Image der Pflanze kann den Umsatz steigern. Dies gilt auch für die Textilindustrie, die ihre Kunden neuerdings mit Socken, Damenstrümpfen, Matratzenauflagen und Herrenhemden beglückt, welche mit Aloe Vera behandelt sind. Hemdenfabrikant Michael Kauf in Ebnat Kappel SG behauptet, auch nach 20 Waschgängen seien noch 0,008 bis 0,02 Prozent Aloe-Vera-Bestandteile im Hemd nachweisbar. Diese seien für den werbemässig verbreiteten «Wohlfühleffekt» verantwortlich. Der Kommentar des Experten Bernd Diehl dazu: «Da sträuben sich mir die Haare!»
Wo macht Aloe Vera welchen Sinn?
- Gel der frischen Pflanze auf der Haut: Seit dem Altertum ist bekannt, dass dies bei Sonnenbrand und kleineren Verletzungen hilft.
- In Hautpflegeprodukten: Diese Anwendung ist der ursprünglichen am nächsten. Wichtig: den Anteil an Aloe Vera im Produkt beachten. Mehr ist besser.
- Als Getränk: Eine heilende Wirkung ist wissenschaftlich nicht belegt. Wer es trotzdem trinken will: je naturnäher, desto besser. Es gibt bio-zertifizierte Produkte. Den Anteil von Aloe Vera, Hilfs- und Konservierungsstoffen beachten.
- Im Joghurt: Eine gesundheitsfördernde Wirkung von Aloe Vera ist nicht wissenschaftlich nachgewiesen.
- Im Waschmittel: Auch wenn der Anteil an Aloe Vera deklariert wird, ist eine Wirkung auf den Menschen mehr als fraglich.
- Als Zugabe in Geweben: Diese Anwendungen leben vom guten Image der Pflanze. Wer dran glaubt, dem hilfts.
17. März 2004 | Daniel Müller
