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Rückenschmerzen beim Autofahren? Spezielle Lendenstützen sollen helfen. Ein Ergonomiespezialist hat für den Puls-Tipp zwölf Produkte beurteilt. Das Fazit: Es muss kein teures Hightech-Modell sein.
Die meisten von uns Berufsfahrern haben Rückenprobleme», ist der 53-jährige Herbert Buchmann aus Glattbrugg überzeugt. Täglich ist er mit seinem Lieferwagen unterwegs. «Vor allem am Anfang litt ich stark. Der ganze Rücken schmerzte.» Der 54-jährige Ivan Stanicic, Taxifahrer aus Zürich, muss jeweils sogar in die Physiotherapie: «Manchmal wird der Schmerz unerträglich. Vor allem im Kreuz tut es oft sehr weh, auch wenn ich bei jeder Gelegenheit aus dem Auto steige, um mich zu bewegen.» Beide Fahrer haben bei einer Befragung des Puls-Tipp unter Berufschauffeuren mitgemacht (siehe Seite 18).
Rückenschmerzen sind der häufigste Grund für einen Arztbesuch. Und sie sind teuer: Rund 8,6 Milliarden Franken kosten sie das Schweizer Gesundheitssystem jedes Jahr - acht Mal mehr als Herz-Kreislauf-Krankheiten.
Die Ursache: Wir sitzen zu viel - gerade auch im Auto. Und Autofahren ist für den Rücken besonders verheerend. Ständige Vibrationen stauchen die Bandscheiben und belasten die Wirbelsäule. Zudem bewegt man sich kaum, und viele sitzen völlig falsch im Auto.
Ein ergonomisch guter Autositz und die richtige Sitzposition sind deshalb wichtig, um Rückenschmerzen vorzubeugen oder bereits vorhandene Probleme nicht zu verschlimmern. Hansjörg Huwiler, Ergonomie-Fachmann vom AEH Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene in Zürich: «Das gilt vor allem für Vielfahrer, die mindestens vier Stunden pro Tag hinter dem Lenkrad sitzen.»
Laut Huwiler entsprechen heute viele Autositze den minimalen ergonomischen Anforderungen: Die Distanz zu den Pedalen, die Neigung der Rückenlehne und eine Beckenkammstütze sollten sich individuell anpassen lassen. Zudem muss die Kopfstütze genügend hoch sein.
Menschen, die bereits Rückenprobleme haben oder ihren Rücken schonen wollen, empfehlen Ergonomen Lendenstützen. Das sind spezielle Kissen, die den unteren Bereich der Lendenwirbelsäule abstützen und so den Rücken entlasten. In Orthopädie- und Sanitätsgeschäften oder bei Physiotherapeuten gibt es unzählige verschiedene Produkte. Die Preise reichen von bescheidenen 20 Franken bis zu satten 175 Franken.
Ergonomiespezialist Michael Oliveri von der Rehaklinik Bellikon AG hat für den Puls-Tipp zwölf verschiedene Rückenstützen fürs Auto beurteilt. Sein Fazit: Es braucht nicht das teuerste Hightech-Modell zu sein. Acht der Stützen sind empfehlenswert - darunter auch die billigsten Produkte.
Oliveri empfiehlt in erster Linie kleinere Lendenrollen. «Sie stützen dort, wo es nötig ist, lassen aber gleichzeitig der Wirbelsäule noch genügend Bewegungsfreiheit.» Zudem könne man sie problemlos überallhin mitnehmen. Ganze Rückenschalen, wie zum Beispiel die Produkte DorsaBack Car, Backo oder die Lendenstütze aus dem Rückenmöbelcenter Zürich, sind nicht nur meist teurer, sie schränken auch die Bewegungsfreiheit ein. Für Oliveri sind sie deshalb zweite Wahl.
Folgende drei Produkte beurteilte der Experte als nicht geeignet fürs Auto:
- die Backo Lendenstütze der Firma Vista Wellness AG,
- die Rückenstütze der Thergofit AG,
- die Rückenstütze von Spina-Bac.
Oliveris Begründung: Die Backo Lendenstütze habe eine zu stark ausgeprägte Abstützung auf den Seiten. Dadurch enge sie zu sehr ein. Für Menschen mit etwas breiterem Rücken sei sie störend. Hersteller Vista Wellness AG hingegen erklärt: «Die ausgeprägte Seitenabstützung ist weder zu eng noch zu gross.» Durch die Körperwärme werde der Schaumstoff weich und «schmiegt sich der Anatomie des Fahrers an».
«Eher geeignet für ein sehr weiches Sofa»
Zur starren und schmalen Thergofit-Stütze meint Oliveri, sie schränke die Bewegungsfreiheit der Lendenwirbelsäule zu sehr ein. Zudem sei sie an der Oberkante leicht nach vorne statt nach hinten geneigt. «Das ist ergonomisch ungünstig.» Oliveri: «Die Thergofit-Stütze ist eher geeignet für einen Sessel oder ein Sofa, wo das ganze Rückenprofil viel zu weich ist.» Dann biete sie mehr Halt. Die Thergofit AG schreibt in ihrer Stellungnahme: «Eine einzelne Stütze kann nie für alle Rückenformen gut oder schlecht sein.» Die «generelle Beurteilung» der Rückenstütze sei «unseriös» und für Patienten nicht von Nutzen.
Eines der teuersten Produkte ist die Spina-Bac-Rückenstütze. In Sanitätsgeschäften muss der Kunde dafür volle 125 Franken hinblättern. Spina-Bac kann man über eine eingebaute Plastikschiene in verschiedene Positionen verstellen. Der schwedische Hersteller wirbt damit, dass selbst Königin Sylvia «bei offiziellen Anlässen nicht auf ihre Spina-Bac-Rückenstütze verzichtet.» Doch Ergonom Oliveri rät auch von diesem Produkt ab. Der Grund: «Die Metallfedern, aus denen es aufgebaut ist, wippen und geben zu stark nach.» Zudem sei es schwierig in der Handhabung. «Das Risiko ist gross, dass jemand sie nicht optimal einstellt», so Oliveri. Hersteller Spina-Bac entgegnet: «Gerade die Möglichkeit, zwischen sechs Stützpositionen zu wählen, macht die Qualität unserer Rückenstütze aus.» Kunden und internationale Fachleute seien «mehrheitlich von dem Produkt überzeugt». Es sei aber wichtig, Spina-Bac nur auf einem Autositz ohne integrierte Lendenstütze zu verwenden, oder diese ganz flach zu stellen.
DorsaBack Car von Sissel schnitt «bedingt geeignet» ab. Wie die Thergofit-Stütze sei das Produkt relativ hart und im Lendenbereich etwas zu wenig vorgewölbt. Die Medidor AG, der Schweizer Vertrieb von Sissel, nahm keine Stellung.
Die bequemste Stütze ist nicht immer die beste
Bei den ergonomisch empfehlenswerten Rückenstützen bleibt eine grosse Auswahl. Welche davon am besten passt, muss jeder Autofahrer selbst ausprobieren. Oliveri mahnt aber: «Was im ersten Moment am bequemsten scheint, ist nicht immer am besten. Denn solche Lendenkissen unterstützen nur die gewohnte Rückenhaltung.» Besser sei eine Lendenrolle mit ausgeprägter Wölbung, obwohl es etwas Gewöhnung brauche. «Deshalb sollte man die Stütze mindestens zwanzig Minuten im eigenen Auto ausprobieren», empfiehlt Oliveri.
Einige der Rückenstützen kann man mit Gurten am Autositz festmachen. Der Vorteil: Sie rutschen nicht weg, wenn man sich nach vorne neigt oder aussteigt. Allerdings sind Stützen mit Gurten auch weniger mobil. Zum Beispiel wenn man sie ins Kino mitnehmen will.
Doch eine Lendenstütze allein macht noch keinen fitten Rücken. Wer auf dem Weg in die Ferien stundenlang über die Autobahn rast, muss sich nicht wundern, wenn der Rücken mit der Zeit schmerzt. Thomas Läubli vom Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH Zürich: «Es ist wichtig, dass Autofahrer regelmässig Pausen machen - am besten jede Stunde.» Dabei soll man aussteigen, sich strecken und bewegen. Und Ergonom Hansjörg Huwiler vom Zentrum für Arbeitsmedizin fügt hinzu: «Man sollte sich während des Fahrens immer wieder etwas bewegen und die Sitzposition regelmässig leicht verändern.»
Buchtipp:
«Das Kreuz mit dem Rücken.» Bestellen Sie den Puls-Tipp-Ratgeber für 25 Franken mit dem Talon auf Seite 9.
So sitzen Sie richtig im Auto
- Die Rückenlehne muss leicht nach hinten geneigt sein - höchstens in einem Winkel von 20 Grad.
- Der Po sollte die Rückenlehne berühren, das Becken leicht nach vorne kippen.
- Das linke Bein muss bei voll durchgetretener Kupplung leicht angewinkelt sein.
- Die Sitzfläche sollte zwei bis drei Finger breit vor der Kniekehle enden, damit die Blutzirkulation nicht behindert wird.
- Das Lenkrad sollte man mit leicht angewinkelten Armen erreichen. Die Schultern behalten dabei den Kontakt zur Lehne.
- Die Mitte der Kopfstütze sollte auf Augenhöhe liegen. Der Abstand zwischen Stütze und Hinterkopf darf nur wenige Zentimeter betragen.
«Manchmal wird der Schmerz unerträglich - vor allem im Kreuz tut es oft weh»
Ivan Stanicic, Taxifahrer in Zürich
Gaito Rocco, 73, Taxifahrer, Zürich
«Ich fahre seit 33 Jahren Taxi. Früher hatte ich kein so gutes Auto. Da hatte ich noch häufig Rückenschmerzen. Mit dem neuen Auto ist es besser.»
Bag Salih, 39, Lastwagenfahrer, Kloten ZH
«Ich fahre seit vier Jahren mit dem Laster und habe seither ab und zu Rückenschmerzen. Mein Rezept: Dehnübungen, die Arme kreisen und abends ein warmes Bad.»
Raeto Beck, 61, Postautolenker, Althäusern AG
«Früher bekam ich im Postauto einen krummen Rücken. Heute schult uns der Arbeitgeber, wie man richtig sitzt. Aber für meinen Rücken ist es schon zu spät.»
17. März 2004 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch
