|
(0) |
Wirbelsäulen-Chirurgen greifen zu früh und zu oft zum Messer. Jetzt üben Schmerzspezialisten Kritik:
Häufig kann man eine Operation vermeiden und mit ambulanten Methoden bessere Resultate erzielen.
Eric Winkler ist zum Experten in eigener Sache geworden. Sieben Rückenoperationen hat der 41-jährige Reisebürobesitzer aus Niederhasli ZH hinter sich. Doch Schmerzen hat er immer noch, jeden Tag. Diese Schmerzen kann er nur mit Morphium unter Kontrolle halten.
Sein Leidensweg: Vier der Eingriffe werden innerhalb eines halben Jahres vorgenommen. Die Ursache ist immer die gleiche. Eine Bandscheibe schob sich nach hinten und drückte auf die Rückennerven. Diese schmerzhaften Diskushernien oder Bandscheibenvorfälle sind das am häufigsten operierte Rückenleiden in der Schweiz. Fast 6000 Patienten mussten deshalb im vergangenen Jahr unters Messer.
Frisch operiert von Zürich nach Leukerbad
Um die Diskushernie zu beheben, schneiden Wirbelsäulen-Chirurgen den Teil der Bandscheibe einfach weg, der im Nervenkanal liegt. Normalerweise sollten die Patienten danach wieder völlig schmerzfrei sein. Nicht so Eric Winkler. Schon beim Aufwachen nach der Operation merkt er: Die Schmerzen sind immer noch da. «Es fühlte sich an, als ob die Operation gar nicht stattgefunden hätte», sagt der Patient. Schon eine Woche später kommt der nächste Eingriff.
Fünf Monate später: Rückfall an der gleichen Bandscheibe, neue Operation. Zur Rehabilitation bringen Sanitäter Winkler von Zürich nach Leukerbad. Die sechsstündige Fahrt durch die Berge wird für ihn zur Tortur. Am Ziel steht fest: Ein Teil der Bandscheibe drückt wiederum auf den Nerv. Sechs Wochen später operieren die gleichen Ärzte ihn erneut. «Sie versprachen mir, dass ich nachher schmerzfrei sein würde», erzählt er. «Sonst hätte ich nicht mehr eingewilligt.»
Die Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird
Das war im Juli 2001. Doch auch nach diesem Eingriff kommt Winkler kaum einen Tag ohne starke Schmerzmittel aus. Schliesslich geht er zu einem weiteren Orthopäden. Dieser rät, die betroffene Bandscheibe ganz zu entfernen und den Rücken an dieser Stelle mit Schrauben zu versteifen. Dann könne dort gar nichts mehr weh tun. Das wird die siebte Operation. Doch auch sie befreit Eric Winkler nicht von seinem Schmerz.
Der Puls-Tipp hat den Fall einem weiteren Experten vorgelegt. Andreas Panoussopoulus ist orthopädischer Wirbelsäulenspezialist an der Zürcher Sanitas-Klinik. Er wundert sich über diesen Fehlschlag nicht. «Je öfter man am Rücken operiert, desto grösser ist die Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird», erklärt er.
Zudem kann sich der Schmerz selbständig machen. «Das Gehirn hat die Schmerzsignale gespeichert und ruft sie immer wieder ab, auch nachdem das organische Problem in der Wirbelsäule beseitigt ist», erklärt Andreas Panoussopoulos.
Wegen dieser Gefahr darf man trotz sorgfältiger Diagnose und gründlicher Überlegung den richtigen Zeitpunkt für eine Operation nicht verpassen. «Der beste Zeitpunkt ist sechs bis zwölf Wochen nach Beginn des Schmerzes. Danach steigt die Gefahr an, dass der Schmerz chronisch wird», sagt Panoussopoulos.
Die gepeinigten Patienten landen oft in Schmerztherapien. Claus Naumann, Schmerzspezialist an der Zürcher Klinik Bethanien, kennt viele solche Fälle. Er kritisiert: «Die meisten Eingriffe sind unnötig.» In vier von fünf Fällen, so schätzt er,lässt sich die Schmerzquelle mit einer ambulanten Methode stilllegen. Es gibt ein ganzes Arsenal von Therapien: So kann man Muskeln und Nervenwurzeln betäuben oder mit leichten Stromreizen den Schmerz so lange übertönen, bis die Nerven «vergessen», ihn ans Gehirn zu melden. Auch Kältebehandlung, warmes Infrarotlicht oder Akupunktur helfen häufig.
Nicht zu vermeiden ist eine Operation, wenn Lähmungen auftreten, die Blase nicht mehr funktioniert oder eine Bandscheibe ganz verschwunden ist. Doch auch in diesen Fällen lässt sich die Erfolgsquote steigern. Zum Beispiel ist es möglich, eine versteifte Wirbelsäule zu simulieren. Entweder der Arzt betäubt den betreffenden Teil der Wirbelsäule oder er fixiert ihn von aussen. Ist der Patient dann schmerzfrei, so weiss der Arzt, dass er die richtige Stelle im Visier hat.
«Häufig operieren Ärzte, ohne den Ort des Schmerzes genau zu kennen», sagt Wirbelsäulenspezialist Panoussopoulos.
Doch es gibt auch Komplikationen, die der operierende Arzt nicht vermeiden kann:
- Die Schmerzquelle ist im Magnetresonanzbild (MRI) nicht erkennbar. Das ist der Fall, wenn der Nerv an einem Knochen klebt oder wenn er selbst beschädigt ist.
- Narben, Entzündungen oder Blutergüsse am Operationsort verursachen neue Schmerzen.
- Die Versteifung zweier benachbarter Wirbel führt zu Schäden an anderen Orten der Wirbelsäule. Der Grund: Der Rücken lässt sich an der operierten Stelle nicht mehr bewegen. Dadurch steigt die Belastung der nicht operierten Wirbel stark an. Das kann noch nach Jahren zu so grossen Schäden führen, dass der Arzt auch diese Wirbel versteifen muss.
«Einer, der alles kann, ist nicht einer, der alles gut kann»
Wenn ein Arzt zum sofortigen Eingriff rät, obwohl der Patient keine Lähmungserscheinungen hat, ist es angezeigt, hellhörig zu werden und eine Zweitmeinung einzuholen. Der Arzt hat vielleicht nicht genügend Erfahrung. Das zu erkennen ist für Laien jedoch schwierig. «Man kann fragen, wie viele Operationen der Arzt schon an der Wirbelsäule gemacht hat», rät Panoussopoulos. Ein weiterer Anhaltspunkt: Der Arzt sollte nicht gleichzeitig für Hüft- oder Knieoperationen zuständig sein. Hier gibt es eine medizinische Faustregel: «Ein Doktor, der alles kann, ist nicht einer, der alles sehr gut kann.»
Buchtipp: Puls-Tipp-Ratgeber: Das Kreuz mit dem Rücken. Fr. 25.-, siehe Bestellkarte auf Seite 9.
Sport und Kontakte für Rücken-Geplagte
- Empfohlene Sportarten
Schwimmen
Radfahren
Inlineskaten
Reiten
Krafttraining und Joggen unter ärztlicher Aufsicht
- Schädliche Sportarten
Tennis
Squash
Badminton
Kontakte:
Für verschiedene Wirbelsäulen-Krankheiten haben sich Selbsthilfe-Gruppen gebildet:
- Skoliose-Kranke treffen sich in BE, BS und LU, eine Frauengruppe besteht in Winterthur.
- Diskushernie: BS
- Wirbelsäulenversteifung (Spondylodese): Einzelkontakte landesweit über die Stiftung Kosch.
- Alle Rückenkrankheiten: AG, ZH, SZ
Die Selbsthilfegruppen sind erreichbar über die Hotline der Basler Stiftung Kosch, Tel. 0848 810 814. Die Stiftung Kosch ist die Dachorganisation der regionalen Selbsthilfezentren.
18. Februar 2004 | Claudia Peter - redaktion@pulstipp.ch
