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Sicherheitsgurten in Reisecars könnten Leben retten. Doch erst wenige Busunternehmen bieten den Kunden die Möglichkeit, sich anzugurten.
Eine Serie von schweren Busunglücken erschütterte in diesem Sommer Europa: In Ungarn starben bei einem Unfall 33 Reisende, in Frankreich gab es 28 Todesopfer und in der Türkei kamen 19 Menschen ums Leben. Weitere Unfälle mit Reisecars forderten zahllose Verletzte. Auch in der Schweiz werden jährlich rund 800 Unfälle mit Cars registriert. Dabei gab es in den letzten zehn Jahren jeweils durchschnittlich über 100 Verletzte - ingesamt 11 Menschen starben. Erst vor drei Wochen kippte ein Car bei einer Autobahnausfahrt in der Nähe von Zürich auf die Seite. Zum Glück transportierte er keine Passagiere. Der Fahrer wurde schwer verletzt.
Roland Allenbach von der Beratungsstelle für Unfallverhütung ist überzeugt, dass von den Schwerverletzten der letzten Jahre mindestens die Hälfte glimpflich davongekommen wäre, wenn auch in Reisebussen eine Anschnallpflicht bestehen würde. «Und es hätte wohl auch weniger Tote gegeben», so Allenbach.
Jann Reisen: Gurten in allen Fahrzeugen
In der EU sind die Experten zur gleichen Erkenntnis gekommen und haben gehandelt: Ab Juli 2004 will die EU-Kommission vorschreiben, dass alle Cars mit Gurten ausgerüstet sein müssen. Zudem sollen die Mitgliederstaaten verpflichtet werden, bis 2006 die Anschnallpflicht in Bussen durchzusetzen.
In der Schweiz müssen seit Herbst 1998 in allen neu zugelassenen Reisecars Gurten installiert sein. «Bei den schweren Unfällen im letzten Sommer hätten Leben gerettet werden können, wenn die Passagiere angegurtet gewesen wären», sagt Daniel Schneider, Pressesprecher beim Bundesamt für Strassen. Er lässt durchblicken, dass deshalb bei der anstehenden Revision der Verordnung über die Verkehrsregeln über eine Anschnallpflicht für Carpassagiere diskutiert wird.
Nicht einmal freiwillig angurten ist in der Schweiz durchwegs möglich. Dies zeigt eine saldo-Umfrage bei den grössten Schweizer Carunternehmen, die in nächster Zeit Fahrten zu Weihnachtsmärkten oder in Ski-gebiete anbieten (siehe Tabelle). Lediglich Jann Reisen aus Rümlang ZH bietet in sämtlichen Fahrzeugen Sicherheitsgurten an. Bei den übrigen Anbietern fehlen die Gurten in den älteren Bussen.
Carhalter fordern gesetzliche Anschnallpflicht
Von einer Aufrüstung wollen die Carhalter aus Kostengründen nichts wissen. Doch die meisten sehen die Notwendigkeit von Gurten: «Eine gesetzliche Vorschrift wäre sinnvoll», sagt Heinz Weber, Geschäftsleiter bei Twerenbold. Auch Heinrich Marti von Marti Reisen unterstützt eine Anschnallpflicht wie bei Personenwagen.
Kritischer beurteilt Ernest Fröhlich von Fröhlich Reisen eine Gesetzesregelung: «Gurten sollten in Reisebussen zwar vorhanden sein, doch es muss dem Kunden überlassen bleiben, ob er sie nutzen will oder nicht.» Denn laut Fröhlich schätzen die Reisenden die Gurten gar nicht: «Selbst in jenen Bussen, in denen wir Gurten anbieten, schnallen sich nur rund 10 Prozent der Gäste an.» Ähnlich beurteilt Ruth Knecht von Eurobus die Lage: «Wir ziehen eine Empfehlung einer Gesetzesvorschrift vor.»
Doch die Erfahrungen mit der Gurtentragpflicht im Auto zeigen: Empfehlungen reichen nicht. Nur mit einer Gesetzesvorschrift kann die Pflicht zur Gewohnheit werden. Und nach einiger Zeit verstummen auch die Proteste.
19. November 2003 | Mirjam Fonti
