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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2003

Wie Brillengläser Augen zum Schielen bringen

Manche Optiker und Augenärzte therapieren eine vermeintliche Fehlstellung - die Winkelfehlsichtigkeit - der Augen mit Prismenbrillen. Die Folgen: Unnötige Prismengläser können zum Schielen führen.

Franz Scherer aus Baar hatte den Termin für die zweite Operation bereits in der Tasche. Drei Jahre zuvor musste sich der 57-jährige Familienvater schon einmal operieren lassen. Seine Augen schielten hoffnungslos nach innen. «Sobald ich meine Brille absetzte, sah ich doppelt», erinnert er sich. Als Ausweg blieb nur noch, die Augenmuskeln operativ auszugleichen und den Augapfel zu richten, so sagte ihm der Arzt.

Doch einige Zeit nach der ersten Operation stellte sich das Schielen wieder ein. Und Franz Scherer bekam dickere Brillengläser. Bis ihm sein Augenarzt schliesslich eröffnete, dass eine zweite Operation unumgänglich sei. Doch diesmal holte Scherer an der Augenklinik Luzern eine Zweitmeinung ein. Dort rieten ihm die Ärzte von der Operation ab. Mit Erfolg: Heute, ein halbes Jahr später, schielt Franz Scherer nicht mehr. Eine erneute Operation blieb ihm erspart. «Ich bin erleichtert, aber auch erstaunt», sagt er. «Offenbar war es möglich, meinen Augen mit weniger Aufwand zu helfen.»
Der Grund für Franz Scherers Irrweg: Eine Prismenbrille, die er gar nicht gebraucht hätte. Sein damaliger Augenarzt hatte sie ihm aufgrund einer Fehldiagnose verschrieben. Wegen der Brille begann Scherer mit der Zeit stark zu schielen. Denn Prismen greifen in jene Abläufe im Gehirn ein, die dafür sorgen, dass sich beide Augen auf ein Objekt ausrichten können.

Bei schielenden Personen lenken Prismen Lichtstrahlen um und fügen so Doppelbilder zu einem Bild zusammen. Doch beim gesunden Menschen bewirken Prismen das Gegenteil. Magdalena Lüthi, Cheforthoptistin an der Augenklinik Luzern, warnt: «Unnötige Prismen können gesunde Augen zum Schielen bringen.»

Der Augenarzt hatte Franz Scherer mit einer umstrittenen Messmethode untersucht, kurz «MKH» genannt. In der Fachwelt ist diese vor allem deshalb umstritten, weil die Augen einer künstlichen Testsituation ausgesetzt werden. «Beim Testen setzen wir Prismen ein», bestätigt Urs Schmied, Augenarzt aus Wattwil SG. «Sie helfen den Augen in eine Stellung, die beim Sehen nicht anstrengt.»

Die Diagnose, die bei einem MKH-Test praktisch immer herauskommt: Winkelfehlsichtigkeit. «Das ist ein Ungleichgewicht beider Augenmuskeln», behauptet MKH-Verfechter Schmied. «Um das auszugleichen, braucht es eine Prismenbrille.»


Verstecktes Schielen macht Betroffenen selten Probleme

Klara Landau, Chefärztin an der Zürcher Augenklinik, warnt davor. «Beim MKH-Test gelangen die Augen in eine künstliche Winkelstellung. Das wird dann als Krankheit verkauft und durch Prismenbrillen therapiert.» Dies sei fatal. Denn: «Eine unnötige Prismenbrille kann verheerende Folgen haben.» Weil sich das Gehirn an die Korrektur gewöhne, brauche es immer stärkere Prismen, um die Augen zu entlasten. «Die Augen geraten dadurch in eine immer grössere Winkelstellung», erklärt die Fachärztin. Schliesslich beginne der Patient doppelt zu sehen, sobald er die Prismenbrille absetze. «Er schielt dann sichtbar.»

Genau dies ist Franz Scherer passiert. Die Alternative zu einer zweiten Schieloperation: Er bekam Brillengläser mit immer schwächeren Prismen. «Im Lauf von drei Monaten gewöhnten sich seine Augen das aufgezwungene Einwärtsschielen ab», erklärt Orthoptistin Magdalena Lüthi.

Manche Augenärzte und Optiker bezeichnen die Winkelfehlsichtigkeit zudem fälschlicherweise als «verstecktes Schielen», das sie dann therapieren wollen. Auch das ist nicht korrekt. «Die beiden Begriffe haben nichts miteinander zu tun», sagt Klara Landau.

Verstecktes Schielen sei ein normaler Vorgang, der bei 75 Prozent aller Menschen vorkomme: Beide Augen schauen denselben Zielpunkt an. Deckt man ein Auge ab, bleibt es nicht unbedingt darauf ausgerichtet. Deckt man das Auge wieder auf, korrigiert das Gehirn die Abweichung sofort, und das Auge blickt wieder genau auf den Zielpunkt.

«Dies führt sehr selten zu Problemen», sagt Klara Landau. Nur bei den wenigsten Menschen verursache das versteckte Schielen Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Augenbrennen oder unscharfes Sehen. Um ein verstecktes Schielen abzuklären, seien intensive Untersuche mit verschiedenen Methoden notwendig. Mit Prismen zu arbeiten, erfordere zudem grösste Sorgfalt. «Die Patienten probieren die Prismen bei uns ausschliesslich unter natürlichen Sehbedingungen aus, zum Beispiel beim Lesen oder bei Handarbeiten», sagt die Ärztin.


Legasthenie und Sehprobleme: Zusammenhang nicht belegt

Die Chefärztin will die Behauptung nicht gelten lassen, dass lernschwachen und legasthenischen Kindern mit einer MKH-Prismenbrille zu helfen sei. «Ein Zusammenhang zwischen Legasthenie und Sehproblemen ist wissenschaftlich nicht bewiesen», sagt sie. Man müsse die «Erfolge» bei Kindern richtig einschätzen. Zudem: «Das kindliche Sehsystem ist noch nicht ausgereift. Es passt sich den Prismen sehr schnell an», sagt Landau. Dadurch sei die Gefahr besonders gross, dass ein Kind immer stärkere Prismen brauche. Bis schliesslich die Schieloperation droht.



Kein Wundermittel für lernschwache Kinder

- MKH ist eine fragwürdige Messmethode für die Augenstellung.

- Misstrauen Sie MKH-Informationsveranstaltungen, bei denen Kinder mit aussergewöhnlichen Heilerfolgen vorgeführt werden.

- Manche Schulpsychologen geben den Eltern lernschwacher Kinder die schriftliche Empfehlung ab, zu einem bestimmten Optiker zu gehen. Holen Sie eine Zweitmeinung ein.

- Seien Sie hellhörig, wenn ein Augenarzt oder Optiker eine Methode als die «einzig richtige» anpreist. Wundermittel gibt es nicht!

- Kinder unter 16 Jahren gehören grundsätzlich zum Augenarzt. Damit die Krankenkasse die Untersuchung und Behandlung bezahlt, benötigen Kinder bis 14 Jahre ein ärztlich verordnetes Brillenrezept.

- Infos im Internet: www.orthoptics.ch - www.orthoptistinnen.de www.augeninfo.de

05. November 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch


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