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Artikel | Haus & Garten 4/2003

Gute Tropfen für wenig Geld

Das Angebot an guten Weinen ist gross - aber welche sind auch günstig? Weinexpertin und -buchautorin Chandra Kurt sagt, worauf Einsteiger achten sollten, und stellt zehn empfehlenswerte Tropfen unter 10 Franken vor.

Die Anzahl neuer Weine hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen, ebenso ihre Qualität. Öffnet man heute eine Flasche eines grossen Produzenten, kommt der Wein zu 99 Prozent ohne Fehler daher - abgesehen von einzelnen Korkfällen. Schon ab rund 7 Franken findet man gefällige und gut gemachte Weine. Ein Grund dafür ist die weltweite Überproduktion. Als Folge dessen lässt sich qualitativ schlechte und überteuerte Ware kaum mehr absetzen.

Wie erkennt man aber einen guten Wein, ohne ihn probiert zu haben? Ehrlich gesagt: gar nicht. Erst wenn der vergorene Rebsaft mit dem Gaumen in Verbindung kommt, lässt sich feststellen, ob er einem passt oder nicht. Meist entscheidet man sich also aufgrund des Etiketts für die eine oder andere Flasche.

Weinetiketten sind eine Mischung aus Identitätskarte mit den gesetzlich notwendigen Informationen, aus Visitenkarte und aus Werbeplattform für den Wein. Und hier beginnt auch schon das Problem. Manch ein Etikett verwirrt mehr als aufzuklären.

So liest man ein Weinetikett:

- Jahreszahl
Abgesehen von Champagner und anderen Schaumweinen sollte jeder Wein eine Jahreszahl haben. Sie garantiert, dass das Traubengut aus nur einem Erntejahr stammt. Wie gut die Qualität des jeweiligen Jahres ist, kann von Land zu Land und Region zu Region verschieden sein. Es lohnt sich daher, in der Fachpresse oder auf aktuellen Jahrgangstabellen (zum Beispiel www.weinclub.ch/ derwein/talter.asp) nachzusehen. Hände weg von Tischweinen ohne Jahreszahl - meist handelt es sich um schlechtere Qualität.

- Alkoholgehalt
Der durchschnittliche Alkoholgehalt unterscheidet sich je nach Region. Bordeaux-Weine etwa bewegen sich zwischen 12 und 13 Prozent, deutsche Rieslinge weisen meist weniger als 10 Prozent Alkohol auf und der Durchschnitt bei Weinen aus Nord- und Südamerika liegt bei über 13,5 Prozent.

Je höher der Alkoholwert, desto schwerer und konzentrierter kann der Wein im Gaumen wirken. Weine mit niedrigerem Alkoholgehalt als für die Weinregion typisch wurden sehr wahrscheinlich aus Trauben gegoren, die nicht genug ausreifen konnten und deshalb nicht den nötigen Fruchtgehalt entwickelt haben.

- Geografische Angaben
Die geografische Herkunft sagt nichts über die Qualität eines Weins aus. Sie deklariert zwar, dass aus dieser Region bekannte und gute Tropfen stammen, das muss aber nicht für jede Abfüllung gelten. Und: Unbekannte Regionen können sehr gute Weine hergeben, auch wenn man noch nie von ihnen gehört hat.


- Beschriebe auf dem Rückenetikett
Vorsicht ist auch hier geboten. Kaum ein Winzer oder ein Weinhaus schreibt etwas Schlechtes über den eigenen Wein. Auf Angaben zur Qualität sollte man sich also nicht stützen. Ernst nehmen kann man hingegen Hinweise, wozu ein Wein passt: Wenn zum Beispiel steht, es handle sich um einen leichten, süffigen Apérowein oder um einen unkomplizierten Pasta-Begleiter.

- Gesetzliche Angaben
Abkürzungen wie DOCG, AC und AOC garantieren nicht zwingend Topqualität. Sie garantieren nur, dass in einer bestimmten Weinregion nach ganz bestimmten Vorgaben gearbeitet wurde. Ob diese zum bestmöglichen Resultat geführt haben, muss jeder für sich selber bestimmen. Es erstaunt nicht, dass die meisten Topweine aus reglementierten Produktionsgebieten selten solche «Gütezeichen» tragen, sondern als Tischweine auf den Markt kommen.

- Traubensorte
Je nach Herkunftsland und -region befindet sich unterschiedlich viel Wein der deklarierten Traubensorte in einer Flasche. Es müssen beispielsweise nicht 100 Prozent Merlot-Trauben verwendet worden sein, damit Merlot auf dem Etikett steht.

- Das Design des Etiketts
Angetrieben wird die zunehmende Vielfalt durch die Grossverteiler, weil dort die Kunden den Wein primär mit dem Auge einkaufen. Je trendiger eine Flasche aussieht, desto mehr fällt sie im Weinregal auf. Das Design des Etiketts hat natürlich rein nichts mit der Weinqualität zu tun.

Hier einige Spezial-Tipps für Einsteiger in die Weinwelt:

-.Informieren Sie sich, welches die grossen Weinmarken sind. So kann man sicher sein, dass man gute Qualität bekommt, zumal ein qualitativ ungenügender Wein marketingmässig einen zu grossen Schaden anrichten würde.

- In der Fachpresse oder im Internet (www.winespectator.com) herausfinden, welches die Topproduzenten einer Gegend sind. Oft sind deren einfachste Abfüllungen wahre Trouvaillen.

- Nehmen Sie an möglichst vielen öffentlichen Degustationen teil. Praktisch jede Weinhandlung organisiert solche Anlässe. An diesen Events kann man kostenlos herausfinden, welcher Weinstil am besten schmeckt.

- Mit Weinkennern und Winzern sprechen und viele Fragen stellen. Dadurch sammeln Sie viel Wissen. Und schliesslich ist es urgemütlich, mit Gleichgesinnten über einen guten Rebensaft zu philosophieren.

Die 10 benoteten Weine: Seite 30

24. September 2003


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