|
(0) |
Das kennen die meisten: ein klammes Gefühl, wenn eine neue Situation, eine unbekannte Herausforderung oder der Auftritt vor fremden Menschen bevorsteht. Den inneren Widerstand überwinden, sich der Situation stellen, das erfordert Selbstvertrauen. Aber wenn daraus gleich eine Krankheit gemacht wird, eine «Phobie» gar, dann beschleicht so manchen der Eindruck, hier soll eine Befindlichkeitsstörung zur Krankenkassen-Grundleistung gemacht werden. Als berufspolitische Strategie kein schlechter Einfall - aus Sicht der Psychotherapeuten und Pharmalobbyisten.
Doch der Schein trügt. Welchen Namen man auch dafür finden mag, dass Menschen nicht mit ihrem Leben, mit ihrer Umgebung klarkommen, das Leiden ist echt. Es hindert die Betroffenen nicht nur daran, ein erfülltes Leben zu führen. Es bringt sie auch mit körperlichen Beschwerden zum Arzt und zieht dann oft langwierige, ergebnislose Untersuchungen nach sich. Schlaf- oder Schmerztabletten, Antidepressiva oder Beruhigungsmittel werden völlig konzeptlos verschwendet, um kurzfristige Erfolge zu erzielen. Da scheint es schon sinnvoll, so ein gehäuft auftretendes Phänomen in den Stand einer echten Krankheit zu erheben. Denn so viel scheint klar: Soziale Phobien, so die Bezeichnung für diese mangelnde Fähigkeit, den Mitmenschen situationsgerecht zu begegnen, sind im Kommen. Sie treffen auf ein Umfeld, in dem moderne Medien, anonyme Freizeitgesellschaft und sich ändernde Arbeitsbedingungen soziale Isolierung fördern.
Mir gibt es vor diesem Hintergrund ein besseres Gefühl, zu wissen, dass das Phänomen der sozialen Phobien von Ärzten und Psychologen erkannt und in seinen schweren Erscheinungsformen auch behandelt wird, ob mit oder ohne Namen.
22. September 2003 | Gerald Tippelmann - Redaktionsleiter Puls
