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Artikel | Gesundheits-Tipp 6/2003

"Ich empfinde sehr viel Wut" - Jean Ziegler, 69

Jean Ziegler kämpft im Auftrag der Uno gegen den Hunger in der Welt. Der Vegetarier lässt seinen Heuschnupfen mit Akupunktur behandeln und benutzt weder Handy noch E-Mail.

Jean Ziegler, Sie sind Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Beeinflusst das Ihr eigenes Essverhalten?

Ich bin Vegetarier, das tut gut. Ich bin wacher und geistig beweglicher, wenn ich darauf achte, was ich esse. Einen absoluten Horror habe ich vor genetisch veränderten Nahrungsmitteln. Sie ruinieren die Landwirtschaft der Dritten Welt und bedrohen unsere Gesundheit.


Gibt es Lebensmittel, auf die Sie nicht verzichten können?

Früchte. Und echte Berner Rösti. Die findet man jedoch fast nirgends mehr. In vielen Restaurants gibt es nur noch diese grauenhaften Fertiggerichte aus der Plastikfolie.


In Ihrem neuen Buch* zeigen Sie erneut auf, dass die Gewinnsucht des globalen Kapitalismus für den Hunger in der Welt verantwortlich ist. Was kann der Einzelne dagegen ausrichten?

Der Einzelne kann alles tun, wir leben in einer Demokratie. Wir sollten alle darüber informiert sein, warum täglich 100 000 Menschen verhungern. Nur aus einem neuen Bewusstsein heraus entstehen Veränderungen. Das Wesentliche muss dann auf politischer Ebene geschehen. Das ist aber keine Entschuldigung für die Ignoranz des Einzelnen.


Für die Uno reisen Sie in die ärmsten Länder der Welt. Dort werden Sie mit viel Leid konfrontiert. Wie verarbeiten Sie diese Eindrücke?

Neben Mitleid empfinde ich häufig sehr viel Wut. Wenn ich zum Beispiel so einem Halunken von Staatschef in Afrika oder Asien gegenübersitze. Der schwelgt im Luxus und lügt mich an, während die Menschen in seinem Land nichts zu essen, keine Spitäler und keine Schulen haben. Im Gespräch muss ich mich beherrschen, um mit meinen Anliegen durchzudringen. Später mache ich mir mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Luft.


Sie scheinen immer unter Strom zu stehen. Können Sie sich überhaupt entspannen?

Ja, ich schlafe wie ein Stock. Ich komme halt von Thun im Berner Oberland. Ausserdem schaue ich praktisch nie fern und lese sehr viel. Ich führe kein Handy und auch kein E-Mail. Mein Kopf braucht seinen eigenen Rhythmus, damit er arbeiten kann.


Und was tun Sie für Ihren Körper?

Ich treibe viel Sport. Judo, Skifahren, Tennis und Bergsteigen. Ich würde aber nie in ein Fitnesscenter gehen. Da wäre ich eingeschlossen. Sport treiben bedeutet für mich auch, in der Natur sein.


Wie reagieren Sie auf Stress?

Bevor ich genau weiss, wie ich eine Aufgabe anpacken soll, spüre ich 24 Stunden lang einen nebulösen Druck. Ich versuche dann, ruhig zu bleiben. Ich beantworte einen Brief oder einen Anruf nie sofort, sondern versuche Zeit zu gewinnen, bis mein Denkprozess vorangekommen ist. Um mit den Worten des griechischen Philosophen Seneca zu sprechen: «Unser einzig wirkliches Eigentum ist Zeit.»


Haben Sie diese Zeit immer?

Einmal war das nicht der Fall. Für das Buch «Die Schweiz, das Gold und die Toten» gab mir der Verlag eine rigide Zeitlimite vor. Das setzte mich so unter Druck, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich stand jede halbe Stunde auf, um Notizen oder Korrekturen anzubringen. Das machte mir Angst, und ich beschloss, nie mehr so zu arbeiten.


Welches ist Ihre körperliche Schwachstelle?

Ich leide an Allergien, vor allem gegen Pollen - und Zürcher Geldsäcke. Gegen den Heuschnupfen lasse ich mich von einem vietnamesischen Arzt mit Akupunktur behandeln. Das hilft. Gegen die Geldsäcke hilft nichts. Ausser der Aufstand.


Sie haben kein Vertrauen in die Schulmedizin?

Das Schweizer Gesundheitswesen ist total profitorientiert. Jenseits der Grenze ist jedes Medikament 30 bis 40 Prozent billiger. Derweil explodieren hier die Gesundheitskosten. Und der Bundesrat schläft.


Bezeichnen Sie sich als gesunden Menschen?

Für mich ist es eine Gnade Gottes, dass ich bisher nie auf eine Mine getreten oder nie unter ein Bombardement geraten bin und nie eine schwere Krankheit hatte. Ich bin dafür sehr dankbar.

Interview: Regula Schneider

Buchtipp: Jean Ziegler, «Die neuen Herrscher der Welt», Bertelsmann Verlag, Fr. 38.60

11. Juni 2003


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