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Faire Arbeitsbedingungen in fernen Ländern - so werben Schweizer Firmen für importierte Textilien. Doch versprochen wird viel, gehalten wenig.
Mit riesigem Werbeaufwand lanciert die Migros das neue Label «Engagement». Den Kunden suggeriert die Kampagne: Kauft und tut Gutes! Gut ist das Projekt auch für die Erfolgsrechnung der Migros: Letztes Jahr setzte der Konzern mit so genannt ethischen Label-Produkten 1,74 Milliarden Franken um - 13 Prozent mehr als 2001. Ähnlich das Bild bei Coop: Der Umsatz der hauseigenen Label-Marken stieg um 15 Prozent auf fast 1,2 Milliarden Franken.
Noch weit entfernt von fairen Löhnen und Arbeitszeiten
Doch die Engagement-Kampagne verschweigt etwas: die Schwierigkeit, in fernen Ländern anständige Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Bereits vor vier Jahren führte die Migros einen Sozialkodex für ihre Kleiderlieferanten ein - von der Daunenjacke bis zur Badehose sollten alle Textilien unter fairen Bedingungen hergestellt werden. Dazu gehörten unter anderem das Verbot von Kinderarbeit sowie gesetzeskonforme und branchenübliche Löhne.
Doch dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht. Die Kontrolleure der Schweizer Clean Clothes Campaign (siehe Kasten) stellten bei ihren jüngsten Besuchen fest, dass weder Löhne noch Arbeitszeiten den Gesetzen entsprechen. Obschon bereits im Vorjahr gerügt, leisteten die Textilarbeiterinnen bei einem chinesischen Migros-Zulieferer teils zwischen 80 und 150 Überstunden pro Monat. Die Migros hält entgegen, dass die Überzeit «auf freiwilliger Basis» geleistet werde.
In Indien, wo T-Shirts für die Migros-Kollektion genäht werden, verdienten einzelne Hilfskräfte - meist Frauen - gerade mal 90 Rappen pro Tag. «Der Mindestlohn beträgt aber Fr. 2.20, und selbst damit hat man kein Auskommen», kommentiert Stefan Indermühle von der Erklärung von Bern.
Switcher: Weniger Zulieferer, bessere Kontrollmöglichkeit
Im Gegensatz zur Migros steht die Lausanner Freizeitkleiderfirma Switcher mit weisser Weste da. «Geschäftspolitik und -praxis entsprechen heute dem Kodex», schreibt die Clean Clothes Campaign über eine chinesische Fabrik, die Switcher mit Textilien beliefert.
Warum schneidet Switcher besser ab? «Wir sind meist der wichtigste Abnehmer unserer Produzenten und können deshalb Einfluss nehmen», so Sprecher Daniel Rüfenacht. Nur: Switcher kommt mit weit weniger ausländischen Zulieferern aus als der Grossverteiler - entsprechend einfacher ist die Kontrolle.
Doch auch Migros verschärft die Gangart und dehnt jetzt den Sozialkodex auf alle Non-Food-Lieferanten aus. «Da es mehrere Tausend sind, wird das etwa fünf Jahre dauern», sagt Fausta Borsani, Projektleiterin Ethik. «Verbesserungen müssen künftig messbar und an klare Fristen gebunden sein», so Borsani. «Erfüllt ein Lieferant nach sechs Monaten die Basiskriterien nicht, brechen wir die Zusammenarbeit ab.»
Kodex-Kontrollen: Migros behält Resultate für sich
Mit den Kontrollen hat Migros zwei Prüfungsfirmen beauftragt - die Resultate bleiben indes Geschäftsgeheimnis. Clean-Clothes-Campaign-Koordinator Indermühle bemängelt: «Kontrollen von kommerziellen Firmen sind weder unabhängig noch transparent.» Immerhin hat die Migros den Non-Profit-Organisationen versprochen, über die Erfahrungen mit dem Kodex zu informieren. Für den Switcher-Verantwortlichen Daniel Rüfenacht ist dagegen schon jetzt klar: «Wir werden weiterhin öffentliche und unabhängige Kontrollen durchführen.»
Berichte öffentlich zugänglich
Seit drei Jahren testet die Schweizer Clean Clothes Campaign zusammen mit der Migros, dem Versandhaus Charles Veillon und dem Sportartikelhersteller Switcher, wie in fünf Textilbetrieben in Indien und China faire Arbeitsbedingungen kontrolliert werden. Das Projekt zeichnet aus, dass sowohl die Beschäftigten wie auch Dritte eingebunden sind, dass die Kontrolleure unangemeldet auftauchen und dass alle Berichte öffentlich zugänglich sind (www.clean clothes.ch/d/pilot.htm). Die Kampagne wird von der Erklärung von Bern sowie den Hilfsorganisationen Brot für alle und Fastenopfer getragen.
28. Mai 2003 | Mike Weibel
