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Artikel | Gesundheits-Tipp 4/2003

Kassenprämien: «Die Grenze ist noch nicht erreicht»

Zunehmendes Übergewicht, vermehrt Jugendliche, die rauchen - dennoch ist Pascal Couchepin überzeugt, dass viele Schweizer immer gesünder leben. Er spricht davon, deren Prämien um wenige Prozente zu verbilligen.

Herr Bundespräsident, Sie haben mit einem Apfel in der Hand den Raum betreten, jetzt trinken Sie Orangensaft. Essen Sie auch sonst gesund?

Ja, ich versuche es. Am Morgen esse ich immer ein Birchermüesli. Am Montagabend mache ich mir jeweils das Müesli für die ganze Woche. Das Zubereiten entspannt mich. Mittags esse ich im Restaurant und abends wenn möglich nur noch ein Joghurt.


Ihr Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt fünf Portionen Gemüse oder Früchte pro Tag. Halten Sie sich strikt daran?

Wenn es das BAG empfiehlt, dann versuche ich auch, mich daran zu halten.


Sie leben offensichtlich gesünder als der Durchschnitt der Bevölkerung: Die wenigsten Menschen in der Schweiz befolgen die Empfehlung.

Das BAG kann der Bevölkerung zwar Ratschläge erteilen, wie sie sich gesund verhalten könne. Mit Empfehlungen allein ist es jedoch nicht getan. Man muss den Menschen vorleben, dass es ein Vergnügen ist, gesund zu leben und Birchermüesli anstelle von fettreichen Speisen zu essen. Auch mit Druck allein kann man nichts erreichen. Es hilft wenig, wenn man den Menschen droht.


Die Ratschläge fruchten wenig: Es gibt immer mehr dicke Kinder, der Diabetes nimmt zu, viele junge Menschen rauchen wieder.

Ich glaube nicht, dass sich die Leute so wenig um ihre Gesundheit kümmern. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass wir insgesamt gesünder sind als noch vor 30 Jahren. Früher gab es noch viel mehr Leute, die rauchten. Ich kannte früher auch viel mehr Alkoholiker als heute.


Die Statistiken können das nur bedingt bestätigen.

Ich sehe das nicht so. Ich beobachte die jungen Leute in meiner Umgebung. Die sind viel gesundheitsbewusster als wir. Diesen Trend sollte man mit hilfreichen Informationen unterstützen.


Sollten Menschen, die gesund leben, finanziell belohnt werden, wie das gewisse Kreise fordern?

Nein. Die sind bereits belohnt durch das Resultat ihre eigenen Leistung. Ich schliesse für die Zukunft jedoch nicht aus, dass die Krankenkassen gesunden Menschen eine Vergünstigung von vielleicht zwei Prozent gewähren könnten. Zum Beispiel wenn jemand sein Gewicht unter Kontrolle behält, nicht raucht oder nur mässig Alkohol trinkt.


In der Grundversicherung bezahlen wir alle solidarisch für die Krankheiten unserer Mitmenschen. Mit solchen Prämienreduktionen könnte der Bundesrat die Solidarität gefährden.

Nein, dafür ist die Belohnung zu gering. Der Bundesrat hält am Solidaritätsgedanken fest. Dieses Modell hat sich bewährt.


Hält der Bundesrat - angesichts der galoppierenden Gesundheitskosten - auch noch in zehn Jahren daran fest?

Ja. Die Solidarität ist eine Errungenschaft unserer Gesellschaft. Wir müssen zwar das System immer wieder verändern, aber den Grundgedanken sollten wir beibehalten.


Wo ist in Ihren Augen die Schmerzgrenze für die Höhe der Krankenkassenprämien?

Die Grenze ist noch nicht erreicht. Die Prämien könnten noch weiter ansteigen. Doch die Menschen passen sich an. Wenn man Ihnen vor 10 Jahren gesagt hätte, dass sie heute 250 Franken pro Monat bezahlen würden, hätten Sie vermutlich gesagt, das sei unmöglich.

Während der letzten 10 Jahre sind die Prämien jedoch ständig gestiegen, und es gibt nicht viele Möglichkeiten, das zu vermeiden. Man kann die Kosten nur dämpfen - und das ist auch mein Ziel.


Ein Grossteil der Bevölkerung hat aber keine Chancen, sich beziehungsweise das Budget unbegrenzt anzupassen.

Die meisten Menschen sind heute eher bereit, Geld für ihre Gesundheit auszugeben. Man sieht das auch daran, wie die Leute ihre Ferien planen. Viele gehen in ein Wellness-Hotel, wo sie sich erholen und gleichzeitig schlanker werden können. Man fährt in die Berge oder geht schwimmen, weil man etwas für seine Gesundheit tun will. Die Zeiten, in denen man nach Rimini fuhr und sich am Strand in die Sonne legte, sind vorbei.


Viele können sich keine Ferien in Wellness-Hotels leisten. Einkommensabhängige Krankenkassenprämien - wie sie auch die Gesundheitsinitiative vorschlägt - könnten den Gedanken der Solidarität garantieren.

Die Initiative will vor allem ein «Staatsgesundheitssystem». Zudem will sie die Krankenversicherung aus der Mehrwertsteuer mitfinanzieren. Wie hoch die sein soll, darüber wird es eine grosse Polemik geben. Unbestritten ist: Der Staat muss Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten unterstützen. Und das passiert auch: Menschen mit kleinen Einkommen bekommen eine Prämienverbilligung.


Das Gesundheitswesen ist ein Selbstbedienungsladen für Ärzte und Firmen. Viele Leute wünschen sich, dass der Staat mehr Verantwortung übernimmt, statt nur die Prämien zu erhöhen.

Trotzdem geht die Gesundheitsinitiative in die falsche Richtung. Die Initiative will dem Bund mehr Macht geben, bietet aber keine Lösungen, die verhindern, dass das Gesundheitswesen als Selbstbedienungsladen missbraucht wird. Es gibt bessere Modelle. Beispiel: Die Kantone sollen feststellen, wie viele Ärzte es braucht. Wenn man diese Zahl kennt, kann man den Kontrahierungszwang aufheben. Das heisst, die Krankenkassen sind dann nicht mehr verpflichtet, mit jedem Arzt zusammenzuarbeiten.


Junge Albaner haben praktisch die gleiche Lebenserwartung wie wir - bei einem Bruchteil an medizinischen Kosten. Gibt das nicht zu denken?

Ich kenne die Situation der Albaner nicht im Detail, aber die Schwächeren sterben dort schon früh in der Kindheit. Das lässt sich nicht mit unserer Situation vergleichen. Und diejenigen, die das Kindesalter überlebt haben, sind dann wahrscheinlich einfach die Stärkeren.


Die Situation im Gesundheitswesen ist verfahren. Weder Behörden, Ärzte noch Kassen sind wirklich interessiert, Kosten zu sparen. Wenn Sie ein neues System erfinden könnten, wie würde das aussehen?

Ich würde kein neues System erfinden, weil ich nicht an das Unmögliche glaube. Wir haben ein Gesundheitssystem, das sich zumindest teilweise steuern lässt. Und ich hoffe, dass mir dies gelingt.



Pascal Couchepin kämpft gegen leichtes Übergewicht

Pascal Couchepin spricht nicht gern über seine Gesundheit. Auf die Frage, ob er schon einmal ernsthaft krank war, lautete seine Antwort: Das sei Privatsache. Einige Dinge hat er dem Puls-Tipp dennoch verraten.

- Er treibt Sport und geht jeden Morgen mindestens 20 Minuten der Aare entlang.

- Pascal Couchepin steht unter ständigem Druck. Er versucht deshalb, zumindest einen Tag in der Woche freizuhalten.

- Wenn er am Wochenende frei hat, wandert er jeweils «intensiver».

- Er verzichtet immer wieder mal einen Monat lang auf Wein, um den Alkoholkonsum zu kontrollieren.

- Die beste Entspannung für ihn: ein halbstündiger Spaziergang bergauf mit anschliessender Dusche.

- Er geht regelmässig zum Physiotherapeuten, um seine Schulter behandeln zu lassen. Wegen Problemen im Schulterbereich hat Pascal Couchepin das Skifahren aufgeben müssen.

- Er lässt sich einmal pro Jahr gründlich durchchecken. Beim letzten Generaluntersuch hat der Arzt beim Bundespräsidenten leichtes Übergewicht festgestellt.

- Er ist privat versichert.

- Die Alternativmedizin lehnt er für sich persönlich ab. Er vertraut ausschliesslich der Schulmedizin.

16. April 2003 | Interview: Regula Schneider und Tobias Frey


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