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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2003

Zu viele Ärzte versagen im Notfall

Schnelle und kompetente Hilfe kann im medizinischen Notfall Leben retten. Doch viele Hausärzte sind damit überfordert. Der Grund: zu wenig Übung.
Was viele nicht wissen, Patienten können direkt den Notruf 144 alarmieren.

Nach einem üppigen Nachtessen fühlte sich der 58-jährige Kurt Hiltebrand aus dem Zürcher Oberland plötzlich unwohl. «Er musste sich erbrechen und ihn fröstelte», erzählt seine Frau. Das Ehepaar dachte zu diesem Zeitpunkt nicht an eine lebensbedrohliche Situation. «Kurt hatte viel Stress in seinem Beruf, aber er war immer gesund», sagt Ursula Hiltebrand. «Wir dachten, er habe wohl das Essen nicht vertragen.»

Am späteren Abend ging das Ehepaar zu Bett. «Mitten in der Nacht weckte mich ein Geräusch», erzählt Ursula Hiltebrand. Sie stand auf und sah, dass ihr Mann im Badezimmer zusammengebrochen war. «Kurt lag unter dem Lavabo. Er klagte über ein Ziehen in der Brust.» Ursula Hiltebrand alarmierte sofort ihren Hausarzt, der 20 Minuten später eintraf. «Er begann mit einer Herzmassage und wies mich an, ihm zu helfen.» Auch habe er vergeblich versucht, eine Infusion zu legen.

Der Arzt mühte sich eine halbe Stunde, der Patient war noch immer bei Bewusstsein. «Schliesslich realisierte der Arzt, dass er meinem Mann nicht helfen konnte, und rief die Ambulanz.» 10 Minuten später fuhr der Kankenwagen mit Blaulicht vor. «Noch bevor die Sanitäter eintrafen, verdrehte Kurt die Augen und verlor das Bewusstsein», sagt Ursula Hiltebrand.

Was dann kam, war ein Albtraum. «Die Sanitäter eilten mit Geräten und Infusionsständern ins Badezimmer und schickten mich hinaus. Plötzlich kam eine Sanitäterin auf mich zu und kondolierte mir. Kurt war im Bad gestorben.»

Im Krankenhaus machten die Ärzte Ursula Hiltebrand darauf aufmerksam, dass viel wertvolle Zeit verloren gegangen sei. Vor allem deshalb, weil der Hausarzt nicht sofort die Ambulanz gerufen habe. «Mein Mann hätte den Herzanfall vielleicht überlebt, wenn schnell kompetente Hilfe zur Stelle gewesen wäre», sagt Hiltebrand.

Leider ist es keine Ausnahme, dass ein Arzt im Notfall versagt. Es kommt vor, dass ein Arzt nicht einschätzen kann, ob ein Notfall vorliegt. Und manche Hausärzte sind vor Ort mit der Situation überfordert. «Es gibt viele Ärzte, die im Notfall nicht wissen, was zu tun ist», sagt Andreas Greull, Krankenpfleger und Notfallausbildner aus Bern. «Das praktische Know-how fehlt häufig.»

Dies bestätigt auch Urs Wiget aus Uitikon ZH. Der Arzt bietet Kurse in Notfallmedizin für Hausärzte an. «In der Regel sind Allgemeinpraktiker in diesem Bereich schlecht ausgebildet», sagt er. Durch die Verbesserung der Rettungsdienste würden Hausärzte noch viel weniger in die Lage kommen, notfallmässige Kenntnisse einsetzen zu müssen. «Wenn es darauf ankommt, sind sie unter Umständen nicht in der Lage, kompetent zu reagieren», sagt Wiget. Im schlimmsten Fall kann dies Menschenleben kosten.

Von Notfallärzten besonders gefordert sind:

- Rasches Einschätzen der Situation

- Schnelles und sicheres Erkennen verschiedener Krankheitsbilder

- Bergungstechniken

- Herzmassagen

- Injektionen

- Infusionen legen

- Blut nehmen

- Luftröhrenschnitt bei Erstickungsgefahr

«Viele Ärztinnen und Ärzte beherrschen diese Handgriffe nicht», sagt Andreas Greull. «Es braucht sehr viel Übung, um eine Infusion schnell und sicher setzen zu können.» Hausärzte würden solche Aufgaben lieber den Rettungssanitätern überlassen.

Andere Hausärzte wiederum behandeln einen Notfall gar als Bagatelle. So im Fall von Eva Meier aus Brütten im Kanton Zürich. Die 52-Jährige leidet seit Jahren an versteiften Rückenwirbeln, die auf die Nerven im Rückenmark drücken. Die Schmerzattacken überfallen sie plötzlich, so auch an einem Abend im letzten September. «Innert kürzester Zeit konnte ich mich vor Schmerzen nicht mehr bewegen», erzählt sie. Für den Notfall hat sie zwar Morphium zum Spritzen zu Hause. «Ich bin aber fürs Spritzen auf Hilfe angewiesen.»

In Brütten gibt es keine Gemeindeschwester und das nächstgelegene Krankenhaus ist 15 Autominuten entfernt. «Das schaffte ich unmöglich», erinnert sich Meier. Sie lag im Schlafzimmer, im zweiten Stock. «Ich kam nicht die Treppen hinunter, konnte also auch nicht im Auto mitfahren.» Das Ehepaar Meier suchte verzweifelt Hilfe. Mittlerweile war es gegen 22 Uhr. Der Anrufbeantworter bei der Spitex vertröstete auf den folgenden Tag. Der Dorfarzt war abwesend. Die Ansage auf dem Band verwies an Walter Hugentobler, der im vier Kilometer entfernten Nürensdorf seine Praxis hat. Meier rief ihn an - und erlebte eine böse Überraschung. «Der Arzt weigerte sich, zu kommen. Er sagte, es stehe in keinem Verhältnis, wenn er nur wegen einer Spritze kommen würde», berichtet Werner Meier.

Schliesslich wies der Arzt den Ehemann an, seiner Frau die Spritze selber zu verabreichen. «Ich habe so etwas noch nie gemacht und fühlte mich überfordert», sagt Meier. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig. «Es war schlimm, ich hatte keine Ahnung, ob ich das richtig mache.»

Auf Anfrage des Puls-Tipp sagte Hugentobler, von einem Notfall könne man nicht sprechen. Eine Spritze setzen sei «eine Handreichung», die von jeder Medizinalperson und von jedem instruierten Laien ausgeführt werden könne. Es sei lediglich «um das Ausführen einer therapeutischen Handlung» gegangen, «die nicht konsequent vorbereitet war». Es mache keinen Sinn, wenn ein Arzt einer Patientin ein Medikament nach Hause gebe, mit dem sie nicht umgehen könne. «Ich war nicht bereit, solche Versäumnisse auszubügeln», sagt der Arzt.

Marc Müller, Präsident des Kollegiums für Hausarztmedizin, findet Hugentoblers Verhalten unhaltbar. «Sobald ein Patient mit einem medizinischen Problem konfrontiert ist, mit dem er nicht fertig wird, ist das ein Notfall», sagt er. «Jeder Arzt und jede Ärztin ist verpflichtet, in Notfällen Hilfe zu leisten.»

Zudem wird ein Hausarzt in der Regel selten mit lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert. «Während meiner mittlerweile 17-jährigen Praxiszeit habe ich erst sechsmal wiederbeleben müssen», sagt Müller. «Und ob sich ein Arzt in Notfallmedizin weiterbildet, hängt von der Eigeninitiative ab.» Gesetzliche Bestimmungen existieren nicht. Die Ärztevereinigung FMH empfiehlt Ärzten, die Notdienst anbieten, nur, sich alle vier Jahre mit einem Weiterbildungskurs auf dem Laufenden zu halten.

Es gibt allerdings Ärzte, die diese Verantwortung wahrnehmen. «In keinem anderen Gebiet achte ich mehr auf die Fortbildung», sagt etwa Puls-Tipp-Arzt Thomas Walser. «Ich habe zweimal pro Monat Notfalldienst in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5. Für mich ist es selbstverständlich, für Notfälle gerüstet zu sein», so Walser.

Doch auf dem Land sieht es anders aus. Dort leisten auch Fachärzte Notfalldienst. «Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen sind in den Notfalldienst eingebunden», sagt Verena Hafner von der Vereinigung Rettungssanitäter Schweiz. So könne es durchaus sein, dass zum Beispiel ein Hautarzt eines Tages bei einem Herzanfall erste Hilfe leisten müsse. Müller fordert deshalb: «Der Notfalldienst sollte von Allgemeinpraktikern, Internisten und Kinderärzten gewährleistet werden.» Der Arzt weiter: «Notfall-dienst-Ärzte müssen einen Patienten so lange versorgen können, bis ihn die Rettungsdienste übernehmen.»

Doch nicht einmal ganz junge Ärzte beherrschen die Grundlagen. «Meine Erfahrung zeigt, dass Ärzte frisch ab Staatsexamen nicht mit Notfällen umgehen können, weil sie keine Übung haben», sagt Adrian P. Businger, Arzt auf der Notfallstation am Kantonsspital Luzern. Businger bietet Kurse für Medizinstudenten an. «Die Notfallmedizin kommt in der Ausbildung von Anfang an zu kurz», sagt auch Andreas Greull. Durch das frühe Einschlagen einer Fachrichtung bleibe das Defizit bestehen. Fazit: «Es gibt viele ältere Ärzte, die nicht über die Grundlagen der Notfallmedizin verfügen.»

Ist es denn überhaupt sinnvoll, im Notfall zuerst den Hausarzt zu alarmieren? «Es gibt Fälle, in denen der ansässige Arzt schneller vor Ort sein kann als die Ambulanz», sagt Schär. In abgelegenen, ländlichen Regionen zum Beispiel, oder wenn eine Arztpraxis in unmittelbarer Nähe ist. Grundsätzlich aber gilt: «Man kann nichts falsch machen, wenn man direkt die Nummer 144 wählt», so Schär. Die Notrufzentrale sei bei jedem unmittelbaren medizinischen Problem die richtige Anlaufstelle.

«Die Meinung, dass man mit einem Anruf bei 144 automatisch die Ambulanz ruft, ist ein grosses Missverständnis», sagt Schär. Es sei immer eine Fachperson am Telefon, die entscheide, ob man eine Ambulanz schicken müsse - oder ob es besser sei, den Hausarzt aufzubieten.

«Wir erleben oft, dass in gefährlichen Notfällen über den Hausarzt zu viel Zeit vergeudet wird», sagt Schär. Vor allem bei Herzinfarkt und Schlaganfall. In der Schweiz erleiden jährlich 28 500 Personen einen Herzinfarkt. Würde der Rettungsdienst sofort alarmiert, liesse sich die Zahl der Todesopfer halbieren, wie die Schweizerische Herzstiftung mitteilt.

Ob eine lebensbedrohliche Situation vorliegt, prüft man anhand folgender Fragen:

- Ist der Patient ansprechbar?

- Atmet der Patient?

- Atmet der Patient frei, röchelt er, rasselt es beim Atmen, ist Erbrochenes im Weg?

- Ist der Puls fühlbar?

«Wer nicht spricht oder sich nicht deutlich ausdrücken kann, könnte schwerer krank oder verletzt sein, als es scheint», sagt Peter Schär.



Für einen Notfall gut gewappnet

- Die Nummer des Rettungsdienstes, Ihres Hausarztes oder des diensthabenden Notfallarztes neben dem Telefon notieren oder im Gerät speichern. Vergessen Sie das Handy nicht.

- Wichtigste Nummern: Rettungsdienst: 144, Feuerwehr: 118, Polizei: 117. Die Nummern von privaten Rettungsdiensten: in Tageszeitungen und im Telefonbuch.

- Nummer 144: Sie können nichts falsch machen. Und in lebensbedrohlichen Situationen spart es Zeit, wenn Sie nicht zuerst den Hausarzt anrufen.

- Schulen Sie sich in lebensrettenden Sofortmassnahmen.

Kurse bieten an:

Schweizerischer Samariterbund, 4601 Olten, Tel. 062 26 18 18

Schweiz. Lebensrettungsgesellschaft SLRG, 4052 Basel, Tel. 061 272 35 05

SanArena, 8003 Zürich, Tel. 01 461 61 61

- Informationen und Broschüre «Herznotfall - jede Minute zählt»: Schweiz. Herzstiftung, 3000 Bern 14, zu bestellen unter Tel. 0900 553 144, Fax 031 388 80 88, docu@swissheart. ch

19. Februar 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch


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