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Die Schweizer Wirtschaft wächst immer langsamer. Der Wohlstandsvorsprung schmilzt. Und die rasante Entwicklung der Europäischen Union wirft viele Fragen auf. K-Geld sprach mit Jean-Pierre Roth.
Über die letzten Jahrzehnte ist das Wirtschaftswachstum der Schweiz zunehmend schwächer geworden und die Arbeitslosigkeit gestiegen. Was läuft falsch?
Jean-Pierre Roth: Wir haben in den letzten 20 Jahren unsere einmalige Position teilweise verloren, weil andere aufgeholt haben. Zum Glück, denn wir profitieren auch davon, wenn es unseren Partnern gut geht.
Die Schweiz wächst langsamer als andere Länder, weil bei uns der Beschäftigungsgrad sehr hoch ist. Die Schweiz schöpft ihre Ressourcen stärker aus als andere und kann deshalb nicht mehr so leicht zulegen. Tiefere Wachstumsraten können eine Folge davon sein.
Gibt es noch andere Gründe für das schwache Wachstum?
Vielleicht kommt das auch davon, dass wir uns mehr und mehr zu einer Dienstleistungswirtschaft entwickeln. Die Wertschöpfung im Dienstleistungssektor ist sehr viel schwieriger zu messen als in der Industrieproduktion. Es gibt gute Gründe dafür, anzunehmen, dass unsere Wirtschaftsstatistik das Wachstum im Dienstleistungssektor bisher unterschätzt hat.
Wird die Arbeitslosigkeit bei uns nicht zunehmend zum Problem?
Es ist frappant, zu sehen, wie hartnäckig die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist. Wir haben im letzten Konjunkturzyklus gesehen, dass bei uns die Arbeitslosigkeit dagegen rasch wieder verschwindet, sobald die Wirtschaft besser läuft. Wir haben am Arbeitsmarkt viel mehr Flexibilität als unsere Nachbarländer, und das ist positiv.
Die Firmen können Arbeitsplätze schaffen, sie können aber auch Stellen streichen, wenn es notwendig ist. Natürlich entstehen dadurch soziale Kosten. Doch soziale Kosten entstehen auch, wenn die Unternehmer darauf verzichten, Arbeitsplätze zu schaffen, weil der Kündigungsschutz zu stark ausgebaut ist.
Wie könnte das Wirtschaftswachstum gefördert werden?
Wenn wir langfristig mehr Wachstum wollen, dann müssen wir unsere Wirtschaft effizienter organisieren und die Märkte öffnen. Doch wir haben in vielen Bereichen eher eine Binnenmarktmentalität mit grosser Lust am Regulieren. Das kostet uns Wachstum. Manches könnten wir ohne weiteres vereinfachen. Wir brauchen mehr Wettbewerb und weniger Kartelle.
Ist die Schweizer Binnenwirtschaft konkurrenzfähig?
Die Schweizer Binnenwirtschaft ist zu teuer. Die Produkte, die wir für uns selbst herstellen, sind zu teuer. Wir sind noch immer bereit, relativ hohe Preise für Waren zu zahlen, die man im Ausland billiger haben könnte. Deshalb brauchen wir eine Binnenwirtschaft, die auf unsere wirklichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Für die Schweizer Konsumenten ist es besser, wenn eine starke Konkurrenz durch Importgüter existiert. Das bringt Wohlstands-fortschritte für alle.
Wir haben im Vergleich zur EU ein zu hohes Preisniveau. Auf der anderen Seite nimmt der Waren- und Personenverkehr mit der EU zu. Welche Folgen hat das für die Schweiz?
Wir sind gezwungen, weitere Produktivitätsfortschritte zu machen. Mit unseren hohen Produktionskosten müssen wir uns zudem auf hochwertige Produkte und Dienstleistungen mit sehr hoher Wertschöpfung spezialisieren. Das bedingt Investitionen in Bildung und Forschung.
Hat sich das System flexibler Wechselkurse bewährt, oder wäre es besser, den Franken fest an den Euro zu binden? Deutschland, das mit dem Euro heute trotz Nullwachstum relativ hohe Zinsen in Kauf nehmen muss, ist allerdings ein abschreckendes Beispiel.
Sie haben mit dem Beispiel Deutschland die Antwort selbst gegeben. So könnten die Konsequenzen auch für die Schweiz sein. Hätten wir einen festen Wechselkurs, dann würden die Zinsen auf dem Kapitalmarkt sich dem Niveau des Euro-Raumes angleichen. Unser Zinsvorteil im Umfang von rund 2 Prozent, den wir heute haben, würde verschwinden. Unsere Exporteure würden ihren Finanzierungsvorteil verlieren.
Aber es hätte auch schwerwiegende Konsequenzen auf dem Hypothekarmarkt. Die Kosten von Hausbesitzern und Mietern würden stark steigen. Zudem wäre eine feste Bindung des Frankens an den Euro nur stabil, solange die Märkte felsenfest davon überzeugt sind, dass keine Paritätsanpassung zu erwarten ist. Das bisherige Währungsregime hat sich seit der Einführung des Euros bewährt.
31. Januar 2003 | Interview: Rolf Biland, Meinrad Ballmer
