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Eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer leidet unter Ohrgeräuschen. Das ständige Summen, Pfeifen oder Dröhnen treibt einen Teil der Betroffenen an den Rand der Verzweiflung.
Wann das Sirren genau angefangen hat, weiss Felix Fürer nicht mehr. Bewusst wahrgenommen hat er es erstmals vor vier Jahren: «Ich hatte plötzlich das Gefühl, in einem Raum mit 5 Computern und 20 Neonröhren zu leben.» Das Sirren blieb. Dauerhaft und beständig. Es stresste den 42-Jährigen derart, dass er nach einigen Wochen zum Arzt ging. Der kontrollierte beide Ohren. Bei einem Hörtest stellte der Arzt fest, dass Fürer Töne zwischen 5000 und 7000 Hertz nicht gut hören konnte. Sonst war alles normal. Ein typisches Symptom für Tinnitus, der bis heute nicht therapiert werden kann.
Eine niederschmetternde Diagnose für Felix Fürer. Dabei hatte er ohnehin schon genug um die Ohren: Der Vollblutmusiker arbeitete als Schlagzeuglehrer und reiste in seiner Freizeit mit seiner Band Swiss Ragtimers von Auftritt zu Auftritt.
«Ich habe nicht gemerkt, dass es 5 vor 12 ist»
Zu Hause bei seiner Frau und seinen zwei Söhnen war er kaum noch, und Zeit für sich hatte er schon gar nicht. «Ich habe damals nicht gemerkt, dass es 5 vor 12 ist», sagt Fürer rückblickend.
Nach zwei Jahren musste er sein Pensum an der Musikschule reduzieren. Schliesslich brauchte er den ganzen Morgen dazu, sich auf die vier Unterrichtsstunden am Nachmittag vorzubereiten. Die ständigen Ohrgeräusche brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Er war nicht mehr belastbar und fühlte sich gleichzeitig minderwertig, weil er nicht mehr voll arbeiten konnte. Dazu kam die Angst, nicht mehr als Musiker arbeiten zu können. Musik war doch sein Leben.
Als dann familiäre Schwierigkeiten dazu kamen, begann ein Teufelskreis, der ihn schliesslich in eine Depression führte. Seine Gedanken kreisten nur noch um seine Sorgen und sein Sirren in den Ohren. Im Sommer vor einem Jahr wurde er für drei Monate krankgeschrieben. Danach konnte er mit Hilfe einer Psychologin wieder 40 Prozent arbeiten, doch sein Befinden war labil.
Erste Massnahme bei Tinnitus: Stressreduktion
Als er sich schliesslich im vergangenen Februar erneut bei Professor Peter Ott am Universitätsspital Zürich untersuchen liess, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Das war für Felix Fürer das Signal, sein Leben neu zu ordnen.
«Bei Tinnitus ist es ganz wichtig, den Stress zu reduzieren und die eigene Wahrnehmung auf anderes zu lenken», so Peter Ott. Für Felix Fürer hiess dies erst einmal, seinen Beruf, der für ihn Berufung war, aufzugeben und sich Zeit für sich zu nehmen. Er lernte Joga und verbrachte viel Zeit in der Natur. Begleitet wurde er während dieses Prozesses von einer Psychologin. «Sie hat mir durch Verhaltenstherapie geholfen, meine Wahrnehmung und mein Leben mit dem Tinnitus anders zu bewältigen und auch beruflich neue Wege zu gehen», sagt Felix Fürer heute.
Umschulung auf einen weniger lauten Beruf
Zurzeit lässt er sich zum Primarlehrer ausbilden. Die Arbeit mit den Kindern wird zwar zuweilen laut sein, doch er ist davon überzeugt, das bewältigen zu können. Geheilt ist Felix Fürer nicht. Aber er hat gelernt, mit dem Tinnitus zu leben und ihn als seinen Partner zu akzeptieren.
Marion Friedrich
Nur Ablenkung hilft gegen das lästige Geräusch im Ohr
Tinnitus ist nicht therapierbar. Das heisst: Man kann ihn nicht heilen - weder durch Medikamente noch durch alternative Heilmethoden oder durch Durchtrennung des Hörnervs. Es gibt aber Methoden und Möglichkeiten, wie man mit dem lästigen Geräusch so umgehen kann, dass es erträglich ist und man den Tinnitus weniger oder seltener wahrnimmt. Dazu gehören:
- Ausführliche Untersuchung, Befragung und Beratung über den Tinnitus.
- Medizinische und technische Stütze: Medikamente, Sauerstoffzufuhr oder Hörgeräte, die Aussengeräusche verstärken.
- Psychosoziale Ebene: Stressreduktion, Entspannungstechniken, Sport, soziales Netz, psychotherapeutische Unterstützung in Form von Verhaltenstherapie.
Eine weitere Möglichkeit ist die Tinnitus-Retraining-Therapie:
- Tinnitus-Bewältigung mittels Counselling, das heisst: Beratung über das Phänomen Tinnitus.
- Stimulation des Hörorgans durch einen Noiser. Dieses Hörsystem gibt während 6 bis 8 Stunden pro Tag rund zwei Jahre lang ein leises Rauschen auf einer anderen Frequenz ab, damit der Tinnitus vom Gehirn überhört wird.
- Psychologische Betreuung und Begleitung.
Daneben gibt es zahlreiche alternative Angebote und Strategien wie autogenes Training oder Joga; Musikkissen für die Nacht; Schlafzimmerfenster offen lassen, damit Aussengeräusche eindringen können; Zimmerspringbrunnen, dessen Plätschern ebenfalls den Tinnitus übertönt; Radio oder Stereoanlage laufen lassen. Erlaubt ist alles, was gut tut. Medikamente, technische Hilfsmittel und psychologische Betreuung werden teilweise von den Krankenkassen übernommen.
Bücher zum Thema:
- «Tinnitus-Retraining-Therapie», Christian Hellweg, Gabriele Lux-Wellenhof, Petra Bühler, Verlag Ariston 1998, Fr. 31.20
- «Tinnitus-Hilfe, ein Arbeitsbuch für Patienten und ihre ärztlichen und nicht ärztlichen Helfer», Bernhard Kellerhals, Ursula Zogg, Verlag Karger 2000, Fr. 29.-
- «Psychotherapie bei Tinnitus», Helmut Schaaf, Hedwig Holtmann, Verlag Schattauer 2002, Fr. 46.70
Wichtige Adressen:
- Tinnitus-Liga, Bahnhofstrasse 16, 3860 Meiringen, Telefon 033 971 55 73
- Pro audito, Seestrasse 45, 8027 Zürich, Telefon 01 202 08 26
Verschiedene Ursachen
Als Tinnitus (lateinisch: tinnire, klingen) bezeichnet man einen Ton oder ein Geräusch, das vom Patienten wahrgenommen wird, ohne dass eine äussere Schallquelle vorliegt. Lokalisiert wird der Ton meist im Ohr, doch neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Gehirn für die Wahrnehmung und Einschätzung des Tinnitus verantwortlich ist. Tinnitus wird oft von Schwerhörigkeit, Schwindel, Lärmempfindlichkeit und Störungen des Bewegungsapparates begleitet. Eine ernste Folge können Depressionen sein.
Da es sich beim Tinnitus um ein Symptom und nicht um eine Krankheit handelt, sind die Ursachen sehr verschieden. Auslöser für das Geräusch können ein Knalltrauma, ein Hörsturz, zu laute Disco-Musik, Diabetes, Vitaminmangel oder psychische Faktoren wie Stress oder Angststörungen sein.
Tinnitus ist auch mit modernsten Geräten bis heute nicht routinemässig nachweisbar. Seine Lautstärke bleibt objektiv konstant, wird aber - je nach Befinden - unterschiedlich wahrgenommen.
23. Oktober 2002
