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Erbschaften vermögen die Gemüter immer wieder heftig zu bewegen, denn nirgendwo liegen Freud und Leid so nah beieinander wie hier. Im konkreten Fall war der Hinschied eines Schrotthändlers zu beklagen, eines vermögenden Lebemannes mit bewegter Vergangenheit. Er war das schwarze Schaf einer ehrenwerten Familie, dessen man sich schämte und um den man nach Möglichkeit einen Bogen machte. Als es mit ihm jedoch langsam abwärts ging, rochen seine noblen Nichten den Braten und versuchten, sich beim alten Onkel beliebt zu machen.
Doch sie stiessen auf eine besetzte Bastion: Da war schon eine unbekannte fromme Dame, die seit geraumer Zeit zum alten Schrotthändler pilgerte. Und nachdem sie für das Heil seiner sündigen Seele Fürbitte geleistet hatte, befreite ihn die Gute auch noch von der Last seines Bankkontos.
Als der Onkel endlich das Zeitliche gesegnet hatte, schlug für die Nichten die Stunde der bitteren Wahrheit. Der ehemalige Lebemann hatte in seinen alten Tagen auf den Pfad der Tugend zurückgefunden und den Löwenanteil des Vermögens bereits seiner frommen Gefährtin geschenkt. Übrig blieb nur der Schrott.
Ein Anwalt der Nichten versuchte im Nachhinein vom Nachlass zu retten, was zu retten war, doch es war ihm kein Erfolg beschieden. Es passiert eben nicht selten, dass beim Erben die Rechnung nicht aufgeht: Besonders ledige Onkel sind als empfindliche Pflänzchen bekannt. Werden sie nicht mit der nötigen Sorgfalt gehegt und gepflegt, besteht die Gefahr, dass die Früchte dereinst in fremde Körbe purzeln.
Die gottesfürchtige Dame hatte hier ganz offensichtlich den grüneren Daumen als die spröden Verwandten.
09. Oktober 2002
