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Artikel | Gesundheits-Tipp 9/2002

So trainieren Sie Ihre grauen Zellen

Mit der Vergesslichkeit muss man sich nicht abfinden. Oft fehlt es nur am Training. Schon einfache Merkhilfen helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge.

Sonja Marti smarti@pulstipp.ch

Er geht durch den Wald und spricht laut vor sich hin. In der Hand hält er das Textbuch, zwischendurch wirft er einen Blick darauf. «Ich lerne meine Texte beim Spazieren auswendig», sagt der Schauspieler Walter Andreas Müller. «Jeweils etwa eine Stunde lang.»

Lesen und nachsprechen, immer wieder. So lange, bis sich die ganzen Textblöcke in sein Hirn einprägen. Wenn Müller dann auf der Bühne steht, erscheinen die Seiten vor seinem geistigen Auge. Müller hat ein fotografisches Gedächtnis.

Ein gutes Gedächtnis gehört für den Schauspieler zum Beruf. Sich Texte zu merken fällt Müller nicht schwer: «Auf der Bühne habe ich nur selten Hänger. Im Alltag passiert es mir aber immer wieder, dass ich Namen vergesse. Oder ich gehe in den Keller und weiss nicht mehr, was ich da eigentlich wollte.»


Studien belegen den Nutzen von Gedächtnistraining

Vielen anderen geht es nicht besser. Eine Erklärung ist meist schnell gefunden: «Ich werde alt und vergesslich.» Diese Schlussfolgerung ist aber falsch. Älter werden muss nicht zwangsläufig mit einem Abbau der Hirnfunktionen einhergehen. Das hat eine langjährige Altersstudie in der Schweiz gezeigt: Das im Langzeitgedächtnis gespeicherte Wissen bleibt erhalten. Und alte Menschen profitieren nach wie vor von ihren Erfahrungen, ohne sich bewusst daran zu erinnern.

Das Hirn verarbeitet Informationen im Alter aber langsamer und das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis ist schlechter. «Deshalb fällt es älteren Menschen schwerer, zwei Dinge gleichzeitig zu tun», erklärt Walter Perrig, Professor für Psychologie an der Universität Bern und einer der Leiter der Altersstudie. Auch aktuelle Ereignisse zu speichern falle im Alter schwerer.

Durch gezieltes Training kann man das Erinnerungsvermögen aber erhalten oder sogar verbessern. Das belegt auch die Altersstudie: Während vier Wochen lernten 18 Frauen und Männer Texte auswendig. Drei Jahre später schnitten sie beim Gedächtnistest am Computer insgesamt deutlich besser ab als Gleichaltrige ohne Training.


Gutes Gedächtnistraining nutzt beide Hirnhälften

Gedächtnistraining ist aber nicht nur für ältere Menschen sinnvoll. Es sollte uns ein Leben lang begleiten. Ein gutes Gedächtnis ist wichtig für Schule, Beruf und im sozialen Umgang. Zudem schafft es Selbstvertrauen. Studienleiter Perrig: «Erfolgserlebnisse und neu Gelerntes machen selbstsicher.»

Gedächtnistraining heisst, das Gedächtnis täglich zu fordern: Zum Beispiel beim Memoryspielen oder Jassen. Aber auch ein Gespräch unter Freunden oder Lesen hilft. Man aktiviert dabei vorhandenes Wissen und übt den Sprachgebrauch. «Das ist von unschätzbarem Wert», sagt Walter Perrig.

Verschiedene Institutionen bieten Kurse an, in denen das Gedächtnis trainiert werden kann. Die Gedächtnistrainerin Sylvia Brunner beispielsweise lehrt in ihren Kursen Techniken, wie man sich Dinge leichter einprägt. Der Trick dabei: Man lernt hirnfreundlich, also mit beiden Hirnhälften. Der linke Teil des Grosshirns ist vor allem für analytische Informationen wie Sprache und Zahlen zuständig. Die rechte Hirnhälfte speichert zum Beispiel Bilder, Gerüche und Gefühle. Kombiniert man beides, verbessert sich die Merkfähigkeit.

Mit folgenden einfachen Methoden kann man die Merkfähigkeit verbessern:

- Abstraktes bildhaft vorstellen: Wer Probleme hat, sich eine Zahlenfolge wie einen Pin-Code oder eine Telefonnummer zu merken, kann für jede Ziffer ein passendes Bild suchen. Für die Eins steht zum Beispiel eine Kerze oder ein Einhorn, für die Zwei ein Schwan. Daraus bildet man eine Bildergeschichte. «Die abstrakte Zahl wird bildlich gemacht und lässt sich leichter einprägen», sagt Brunner.

- Sprachrhythmus: Verse lassen sich einfacher einprägen als Prosatexte. Kinder lernen so das Alphabet. Die Methode eignet sich aber auch für Zahlenfolgen.

- Begriffe Orten zuweisen: Dabei verknüpft man eine Reihe von Begriffen mit bestimmten Orten. Das können Körperteile sein, markante Orte auf dem Arbeitsweg oder die Stockwerke eines Hauses.

- Begriffe gruppieren: Das ist der Trick von Walter Andreas Müller, wenn er keinen Zettel für die Einkaufsliste zur Hand hat: «Wenn ich Eier, Kartoffeln und Brot kaufen muss, dann merke ich mir ein Eierkartoffelbrot.»

- Assoziationen bilden: Dies hilft unter anderem dem Namensgedächtnis auf die Sprünge. Sylvia Brunner: «Ich konnte mir den Namen einer Frau Senn nicht merken. Dann stellte ich sie mir vor mit einem leuchtend roten Sennenkutteli und einem Käppi. Seither fällt mir der Name immer sofort ein.» Je lustiger, übertriebener und bunter die Assoziation, desto besser lässt sie sich merken.

Nicht immer jedoch führen Training, Merkhilfen und geistige Anregung zum Erfolg. Bei manchen älteren Menschen wird das Gedächtnis trotz allem immer schlechter. Krankhaft schlechter. Oft sind es die Angehörigen, die es bemerken und den Verdacht äussern: Alzheimer. «Eine schreckliche Krankheit», sagt Walter Andreas Müller.

Der 57-Jährige weiss, wovon er spricht. Sein Vater hatte Alzheimer. «Manchmal ist die Angst extrem. Je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich meinem Vater. Ich schaue in den Spiegel und sehe sein Gesicht.»


Angst vor Alzheimer: Ein Untersuch lohnt sich

Für Menschen mit krankhaftem Gedächtnisverlust und ihre Angehörigen gibt es Hilfe in Memory-Kliniken. Beim Untersuch in der Klinik ist ein Angehöriger dabei. «Das ist sehr wichtig», sagt Regula Schmid, die Leiterin der Memory-Klinik Entlisberg in Zürich, «denn so erhalten wir ein objektiveres Bild über den Verlauf und die Probleme im Alltag.»

Der Untersuch und die Beratung können manchmal die Angst vor Alzheimer mildern. Walter Andreas Müller hat einen eigenen Weg gefunden, damit umzugehen: «Ich hoffe, dass ich durch die ständige Kopfarbeit der Krankheit vorbeugen kann. Es gibt doch viele Schauspieler, die noch im hohen Alter geistig sehr fit sind.»



Kontaktadressen und Informationen

- Kurse: Die Pro Senectute, Volkshochschulen, Altersheime und die Migros-Klubschule bieten Kurse für das Gedächtnistraining an.

- Memory-Kliniken: Anmeldung durch den Hausarzt ist nötig. Der Untersuch ist kassenpflichtig und erfolgt ambulant, zusammen mit einem Angehörigen.

- Übungen für zu Hause: Ein vierteiliges Set mit Gedächtnisübungen für das ganze Jahr gibt es bei der Memory-Klinik Entlisberg, Paradiesstrasse 45, 8038 Zürich, Tel. 01 487 35 00; Fr. 40.- (plus Porto).

- Buch: Dominic O'Brien: «Der einfache Weg zum besseren Gedächtnis», Nymphenburger, Fr. 25.80

01. September 2002


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