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Artikel | K-Geld 4/2002

Telekommunikation: Auf den Goldrausch folgt der Kater

Telekommunikation: Auf den Goldrausch folgt der Kater

Phantastische Zukunftserwartungen führten Ende der 90er-Jahre zu einem Boom in der Telekombranche. Tausende von Milliarden Dollar wurden weltweit investiert und riesige Schulden aufgetürmt. Nach dem Höhenflug machte die Branche eine harte Landung. Doch für langfristige und geduldige Anleger bieten sich Chancen.

Es war wie die Szene in einem Thriller. Vier Männer trafen sich im Frühling 2000 während Wochen in einem hermetisch abgeschotteten Raum. Sie schützten sich vor Eindringlingen und Lauschern hinter vier Sicherheitstüren, von denen jede mit komplizierten Kombinationsschlössern und elektronischen Systemen gesichert war. Die Fenster des Verhandlungsraums waren geschwärzt, damit keiner ausspionieren konnte, was im Innern des Raumes vor sich ging.

Die vier Männer waren keine Agenten, sondern Top-Manager des Mobilfunkunternehmens Orange. Ihr Ziel war, eine von fünf UMTS-Lizenzen für Grossbritannien zu ersteigern. Es ging damit darum, wer das Geschäft mit den Handys der Zukunft machen würde. Das Interesse war riesig, und der Preis stieg und stieg. Die Orange-Manager setzten sich im Biet-Poker durch und stellten am Schluss einen Check über 4,5 Milliarden Pfund aus.

Solche Szenen spielten sich auch in anderen europäischen Ländern ab. In Deutschland kassierte der Finanzminister durch die Versteigerung der UMTS-Lizenzen rund 100 Milliarden D-Mark. Die Telekomfirmen überboten sich hektisch, als ob sie eine Lizenz zum Gelddrucken erwerben könnten. Selbst die Swisscom hatte mitgeboten. «Wir waren vor zwei Jahren drauf und dran, in Deutschland ein Milliarden-Engagement einzugehen», gesteht Swisscom-Boss Jens Alder. Er ist heute froh, dass er rechtzeitig das Handtuch geworfen hat. Inzwischen weiss man: Die damaligen Sieger im Biet-Verfahren sind in Wirklichkeit Verlierer. Einige von ihnen werden ihre astronomischen Investitionen nie amortisieren können.


Es war der absurde Höhepunkt eines sagenhaften Investitionsbooms - dieser Wettlauf um die UMTS-Lizenzen in Westeuropa. Denn in den Jahren zuvor waren global bereits riesige Summen in Kommunikations-Netzwerke investiert worden. Dahinter steckte die Erwartung, dass die zunehmende Internet-Nutzung zu einer explosionsartigen Nachfrage nach Telekomkapazitäten führen würde.

Pioniere der Branche sahen Anfang der 90er-Jahre richtig voraus, dass das Internet sich für alle möglichen Zwecke nutzen lässt, wenn die Daten genügend schnell und kostengünstig übertragen werden können. Doch damals waren die Angebote der etablierten Telekomkonzerne noch viel zu langsam und zu teuer.

Damit die Möglichkeiten des Internets auch wirklich genutzt werden können, sind Netzwerke mit höherer Bandbreite nötig, durch die sich viel grössere Datenmengen übertragen lassen.

Einer, der dies erkannte, war der amerikanische Telekomunternehmer Walter Scott. Er rechnete damit, dass die etablierten Konzerne der Branche zu langsam auf die Nachfrage reagieren würden, verkaufte seine damalige Firma für 3 Milliarden Dollar und steckte das Geld in ein neues Unternehmen mit dem Namen «Level 3». Mit zusätzlichen 11 Milliarden Dollar Fremdkapital baute Level 3 das erste weltumspannende Glasfasernetz. Betrieben wurde es mittels neuester Technologie - des Internet Protocol (IP).


Das Wettrennen um den Bau der Datenautobahnen hatte begonnen. Level 3 fand zahlreiche Nachahmer. Die Newcomer-Firmen der Telekomindustrie begannen sich ein Wettrennen um die Anzahl der verlegten Glasfaserkabel zu liefern.

Wie Walter Scott vorausgesehen hatte, blieben die grossen Telekomkonzerne lange träge und überheblich. Erst Ende der 80er-Jahre begannen auch die Dinosaurier der Branche, das Potenzial des Internets ernst zu nehmen: Sie starteten mit ihren immensen Finanzmitteln eine Aufholjagd und heizten den Investitionsboom zusätzlich an. Es war ein Dorado für Ausrüsterfirmen wie Nortel, Ericsson, Lucent und Cisco, denen ihre Produkte praktisch aus den Händen gerissen wurden.


Die Internet-Euphorie führte zu riesigen Überkapazitäten. Durch eine einzige Glasfaserverbindung können bis zu 160 verschiedene Lichtwellen gleichzeitig übertragen werden. Der Investitionsboom führte zu Quantensprüngen bei den zur Verfügung stehenden Netzwerkkapazitäten. Jedes neu verlegte Transatlantikkabel kann so viele Daten übertragen wie alle früheren Tiefseeverbindungen zusammen. Innert kurzer Zeit war deshalb ein unglaubliches Überangebot an Netzwerkkapazitäten entstanden. Dabei ist ein grosser Teil der verlegten Glasfaserkabel noch nicht einmal in Betrieb genommen worden.

Wie der Boom in der Geschichte der Eisenbahnen einst halbfertige Brücken und Gleisanlagen hinterliess, ist vielen Netzwerkfirmen das Geld ausgegangen, bevor sie ihre neuen Netze in Betrieb nehmen konnten. Die Preise für die Benutzung der Leitungen sind unter Druck, weil die meisten Netzwerke heute erst ein Bruchteil der Kapazität nutzen.


Die Finanzmärkte haben nicht verhindert, dass die Telekombranche Milliarden aus dem Fenster geschmissen hat. Zwischen 1996 und 2001 vergaben die Banken laut Thomson Financial Kredite für 890 Milliarden Dollar. Weitere 415 Milliarden beschafften sich die Telekomfirmen im gleichen Zeitraum durch Obligationen. Weitere rund 500 Milliarden Dollar holten die Firmen durch die Ausgabe von Aktien herein. Zusätzlich verschafften sich die Konzerne Kredite von den Ausrüsterfirmen. Der Glaube, dass der Boom nie enden würde, war unerschütterlich. Als die Seifenblase dann platzte, war es für viele Firmen schon zu spät.


Weltweit gingen Dutzende von Telekom- und Netzwerkfirmen in den USA und Europa Pleite. Bei der Liquidation mussten die Gläubiger feststellen, dass sich von den Riesensummen, die in den Netzwerkausbau gesteckt worden sind, nur winzige Beträge retten liessen.

Zahlungsunfähig wurden dabei keineswegs nur kleine und unbedeutende Unternehmen. Worldcom, der grösste Netzwerkbetreiber der Welt, machte kürzlich ebenso Konkurs wie eine ganze Reihe weiterer Grosskonzerne: zum Beispiel Global Crossing oder Adelphia. Doch damit ist die Marktbereinigung wohl kaum abgeschlossen. Viele weitere Netzwerkbetreiber dürften - aufgekauft oder liquidiert - noch vom Markt verschwinden. Zwar werden die etablierten Telekomkonzerne so einen Teil der Konkurrenz los, doch kämpfen einige trotzdem ums Überleben.


Manche Telekomkonzerne sind bis an den Rand des Ruins verschuldet. Die Investitionen in den Mobilfunkbereich und in die Netzwerke haben Milliarden verschlungen. Dazu kam der Erwerb von Beteiligungen an Handy- und Internetfirmen, die mittlerweile nur noch einen Bruchteil der Kaufpreise wert sind.

Selbst staatlich gestützte Kolosse wie France Telecom sehen sich immer skeptischer werdenden Gläubigern gegenüber. Die Rating-Agentur Moody's hat die Kreditwürdigkeit von France Telecom Ende Juni auf Baa3 herabgestuft, was deren Kredite verteuert und die Börse nervös macht.


6300 Milliarden Dollar erreichte der Börsenwert aller Telekomfirmen und -betreiber im März 2000. Rund zwei Drittel dieser Werte haben sich seither in Luft aufgelöst. Das Ausmass der Börsenverluste ist gigantisch. Und betroffen sind damit auch zahlreiche Kleinanleger. Mit TV-Spots hat zum Beispiel die Deutsche Telekom 1996, 1999 und 2000 ihre Aktien beim Börsengang als Volksaktien angepriesen. Zehntausende von Kleinanlegern legten daraufhin erstmals Geld in Aktien an. 14,57 Euro kostete der Titel beim ersten, 39,5 beim zweiten und 66,5 Euro beim dritten Börsengang. Diesen Sommer mussten die Anleger zusehen, wie die T-Aktie auf 8,67 Euro absackte. Viele zahlten deshalb bitteres Lehrgeld. Jetzt, wo viele Anleger nichts mehr von Telekomaktien hören wollen, könnte die Branche wieder interessant werden. Denn telefoniert wird weiterhin.


Weltweit bleibt Telekommunikation eine Wachstumsbranche. Kontakt und Informationsaustausch sind Grundbedürfnisse der Menschen. Weder Telefon noch Handy sind aus der heutigen Gesellschaft wegzudenken und E-Mail sowie E-Commerce werden weiter zunehmen. Trotz der momentanen Krise nimmt der Internet-Datenverkehr rasant zu. Er verdoppelt sich derzeit jedes Jahr. In der Telekombranche gibt es deshalb für die Anleger nebst beträchtlichen Risiken auch grosse Chancen.


Die Aussichten sind von Land zu Land sehr verschieden

- Sowohl bei der Festnetz-Telefonie als auch beim Mobilfunk mit herkömmlichen Handys und Dienstleistungen ist in Westeuropa nur noch wenig Wachstum möglich.

- Wachstum ist in Westeuropa und den USA am ehesten von der Internet-Nutzung zu erwarten, wo Firmen und Private zusätzliche und leistungsfähigere Anschlüsse wollen.

- Ob die Mobiltelefone der nächsten Generation sich rasch durchsetzen werden, ist unsicher. Fraglich ist, ob genügend Kunden bereit sind, neue und teurere Handys zu kaufen sowie höhere Abogebühren für die neuen Dienste zu bezahlen.

- Vergleichsweise bessere Aussichten für das Handy-Business bestehen in den USA. Dort wird das Handy im Vergleich zu Westeuropa deutlich weniger genutzt.

- Ungestillte Bedürfnisse nach Festnetz- und Handy-Verbindungen gibt es vor allem in den Schwellenländern Südamerikas, Osteuropas, Asiens und Afrikas.


Investitionen in die Telekombranche machen Sinn, aber diversifiziert und am besten global. Die letzten zwei Börsenjahre haben es bewiesen: An Telekomaktien kann man sich die Finger verbrennen. Auch die Titel der ehemaligen Monopolisten und heutigen Marktführer taugten nicht als Volksaktien.

Kleinanleger sollten deshalb folgende Regeln beachten:

- Höchstens 10 bis 15 Prozent des Aktien-Portefeuilles in die Telekombranche investieren.

- Auf Einzeltitel verzichten und mit Hilfe von Branchenfonds oder Indexaktien diversifizieren.

- Sich nicht auf einzelne Länder oder Regionen beschränken, sondern global investieren.

Zwar scheinen viele Telekomtitel zurzeit spottbillig, doch bestehen nach wie vor Risiken: So sind die Schulden in den Bilanzen mancher Konzerne real, aber ob das für den bilanzierten Wert ihrer Anlagen und Beteiligungen ebenfalls gilt, ist unklar.

Schmerzhafte Abschreibungen etwa auf UMTS-Lizenzen oder auf teuer erworbenen Firmenbeteiligungen könnten noch nötig werden. Die Unsicherheit, wann die Branche aus ihrer schwierigen finanziellen Lage herausfinden wird, ist gross. Besser ist deshalb, in Etappen zu investieren: So lässt sich das Risiko reduzieren, zum falschen Zeitpunkt eingestiegen zu sein.


Jetzt investiert sogar Warren Buffett in die Telekombranche. Der 72-Jährige hat in den USA den Status eines Popstars. Dank ihm und seiner Investment-Gesellschaft Berkshire Hathaway wurden viele Kleinanleger zu Millionären. Buffett selber ist mit seiner Anlagestrategie, die er schon seit 37 Jahren verfolgt, zum zweitreichsten Mann der Welt geworden. Das Rezept des Amerikaners: Er kauft in schlechten Zeiten Aktien, die er für unterbewertet hält, und behält sie während Jahrzehnten.

Bis jetzt hat Buffett um Telekom- und Technologieunternehmen einen weiten Bogen gemacht. Von der New Economy verstehe er zu wenig, um die Gewinner aus einem Haufen Nieten zu ziehen. Doch jetzt finanziert Warren Buffett zum Erstaunen der Börsenwelt mit einer Wandelanleihe den Netzwerkbetreiber Level 3, der ein weltweites Glasfasernetz betreibt.

Meinrad Ballmer



Bandbreite

Sie bezeichnet die Kapazität, die für eine Datenübertragung zur Verfügung steht. In der Telekommunikation bezeichnet die Bandbreite den Umfang des Frequenzbandes eines Übertragungskanals. Bei digitaler Übertragung wird die Bandbreite in Bits pro Sekunde (Bps) gemessen.


UMTS

Dieser neue Mobilfunkstandard kann Daten über 200-mal schneller übertragen, als dies mit dem heutigen Standard GSM möglich ist. Mit UMTS können Handy-Nutzer sich zum Beispiel Fotos, Strassenkarten oder Film-Trailer auf dem Handy-Display ansehen. Noch ist offen, ob für derartige Dienste eine ausreichende Nachfrage besteht.

01. August 2002


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