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Nach einem Herzinfarkt braucht es mehr als nur fettarmes Essen und Bewegung
21 Jahre war er Chef der Herzabteilung eines Spitals und erklärter Schulmediziner. Dann erlitt Christopher Leet selber einen Herzinfarkt - und begann umzudenken.
Im Prince William Hospital in der Nähe von Washington war Herzspezialist Christopher Leet der unbestrittene Halbgott. Alle gehorchten ihm und ehrten ihn. Doch eines Tages brach er zusammen. Mitten in einer Sitzung mit Kollegen stach ihn ein furchtbarer Schmerz in der Brust - Herzinfarkt. Nach dem Infarkt hörte Leets Herz nur dank eines sofortigen Elektroschocks nicht auf zu schlagen.
Leet war erst 51, ein selbstzufriedener Winner-Typ, der unzählige Herzpatienten vor dem Tod gerettet hat. Zwanzig Jahre lang hatte er ihnen immer wieder zwei Regeln eingebläut: weniger Fett essen und sich körperlich fit halten.
Drei Monate nach seinem eigenen Infarkt realisierte Leet, dass seine zwei Regeln zwar wichtig sind, doch nicht genügen. Richtig essen und sich bewegen deckt nämlich nur die körperliche Seite ab. Er erkannte: Ebenso wichtig ist die psychische Verfassung. Herzpatienten können mit einer andern Haltung zum Leben Stress abbauen und ihren Herzen Ruhe geben - und damit auch Gesundheit.
«Emotionaler Kollaps» nach der Entlassung
Leet hatte Angst, dass die Folgen des Herzinfarkts seine Karriere behindern könnten. Dass er als Chef nicht mehr gleich respektiert würde. Albträume quälten ihn. Besonders unsicher und psychisch angeschlagen fühlte er sich, nachdem das Rehabilitations-Programm der Schulmedizin zu Ende war. «Der emotionale Kollaps begann, als die Ärzte mir adieu gesagt haben», erzählte Leet der «Washington Post».
Leet verschlang «New Age»-Bücher, ging zu einem Psychiater und nahm an einer 12-wöchigen Gruppen-Therapie teil. Dort lernte er Yoga, Tai Chi, Atem- und Meditations-Techniken sowie Selbsthypnose. Er wurde bescheidener und lernte, dass er nicht alle Antworten kannte.
Er, der Alternativmediziner früher für Quacksalber hielt, ist heute überzeugt, dass «Meditation und verwandte Techniken den Herz-Rhythmus verlangsamen und Stress abbauen. «Ich kann es kaum glauben, dass mein grosser Bruder, der nie genug arbeiten konnte, plötzlich Meditation predigt», sagt seine Schwester Rebecca.
Der Chefarzt hat die neuen Erkenntnisse in seinem Spital sofort umgesetzt. Die komplementären Rehabilitations-Methoden haben laut Leet den Vorteil, dass sie das Vertrauen und Selbstwertgefühl stärken, was für die Rückkehr zum normalen und gesunden Leben überaus wichtig sei.
Andere Kliniken folgten dem Beispiel
Bereits sind Herzkliniken anderer Spitäler Leets Beispiel gefolgt. So bieten die medizinischen Zentren der Universitäten Virginia und George Washington institutionalisiert komplementäre Methoden für Herzpatienten an. So weit gehen Schweizer Reha-Zentren nicht. Sie bieten selber keine Meditation oder Yoga an.
Alan Wasserman, Herzspezialist und Chef der Universität George Washington, sagt nach zwei Jahren Erfahrung: «Um endgültige Schlüsse zu ziehen, ist es noch zu früh. Aber die komplementären Methoden sind auf dem besten Weg zum Erfolg.» So hätten Meditation und verwandte Methoden auf das Herz eine ähnlich beruhigende Wirkung wie die üblichen Beta-Blocker - nur ohne Nebenwirkungen.
«Ich bin gespannt, ob mein Bruder mit der Zeit wieder in den alten Tramp zurückfällt, schliesslich ist er immer noch der alte Chris», meint seine Schwester Rebecca.
Herzchirurg Christopher Leet glaubt aber, diese Antwort sicher zu kennen: «Die alten Gewohnheiten werden mich nicht einholen. Ich möchte andern helfen, zu den gleichen Einsichten zu kommen.»
Urs P. Gasche
Herzinfarkt: Reha in der Schweiz
Nach der Behandlung in einem Akutspital kommen die meisten Herzinfarkt-Patienten in der Schweiz in ein stationäres oder ambulantes Reha-Zentrum. Dort sind Gymnastik, Entspannungsübungen und Wandern angesagt. Nach Angaben von Herzspezialist Professor Hugo Saner machen fast alle Patienten auch Muskelentspannungs-Übungen (meist in Form progressiver Muskelrelaxation nach Jakobson).
Nur in Ausnahmefällen, wenn ein Patient sich schwer entspannen kann, empfehlen die Reha-Zentren, zusätzlich einen Meditations- oder einen Yogakurs zu besuchen oder an einem mentalen Training teilzunehmen. Solche Kurse bieten die Reha-Zentren selten selber an.
01. Januar 2000
