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Angefangen hat alles aus lauter Blödsinn. Ich war sechzehn, als ein Kollege mir zeigte, wies geht. Ich habe den Gewinnspielautomaten mit 5 Stutz gefüttert und gleich 600 herausgeholt. Und schon hatte es mich erwischt. Ein gutes Geschäft, sagte ich mir; da bist du ja blöd, wenn du arbeitest. So viel verdienst du in so kurzer Zeit nie.
Damals wusste ich noch nicht, dass der Spieler immer der Verlierer ist. Du holst 3000 Franken heraus und verspielst doppelt so viel. Ich fing mit 5 Stutz an und verspielte nach und nach mein ganzes Geld, Hunderter um Hunderter. Bald kannte ich jeden Automaten in der Umgebung. Ich verspielte bis zu 7000 Franken im Monat.
Um weiterspielen zu können, nahm ich Kredite auf. Als diese aufgebraucht waren, blieb mir nur noch die kriminelle Tour. Einmal räumte ich in Bern einen Opferstock aus. Ich nahm mir ein Taxi und fuhr nach Zürich. Da verspielte ich alles. Wieder und wieder musste ich mir Geld beschaffen. Die Spielverluste zwangen mich dazu. Ich wollte aber niemandem schaden. Darum zahlte ich das Gestohlene wieder zurück, sobald ich konnte. Das war mir nur möglich, weil ich wegen eines früheren Unfalls von der Versicherung noch Geld bekam. Das wird von meinem Beistand verwaltet, sonst hätte ich gar nichts mehr.
Mit dem verspielten Geld könnte ich einen Ferrari kaufen. Ich brauchte 18 Jahre, bis ich einsah, dass ich spielsüchtig bin. Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass es so nicht mehr weitergeht.
Seit einem halben Jahr hilft mir ein Therapeut, von der Sucht wegzukommen. Zurzeit habe ich mich ziemlich im Griff. Es fragt sich nur wie lang. Ich habe schon den Antrag gestellt, dass die Kästen in meiner Umgebung wegkommen. Einer der Wirte hat den Kasten tatsächlich entfernt. Doch in einer anderen Beiz stehen immer noch fünf Spielautomaten. Wenn du einmal Spieler bist, zieht dich ein solcher Kasten immer wieder an.
Als mich Anfang Jahr meine Freundin verliess, hatte ich wieder einen Absturz. In St. Gallen sind in jeder zweiten Beiz Glücksspielautomaten installiert. Dabei wollte der Kanton die Geräte bis Ende 2000 abgeräumt haben. Hersteller und Wirte haben dagegen protestiert. Sie behaupten, dass kein Geld ausbezahlt wird. Das trifft aber meistens nicht zu. Jetons können in Bargeld umgetauscht werden. Es stresst mich, dass sich niemand ans Gesetz hält.
«Letzten November hatte ich eine neue Stelle in einem Sägewerk angetreten. Nach drei Wochen musste ich mein Knie operieren. Seither habe ich Unfall. Mein Rücken ist schon lange kaputt. Darum kann ich diesen Job auch nicht mehr ausüben. Wenn du keinen Job hast, dann spielst du aus Frust. Es ist ein Teufelskreis. Man wird schnell als Sozialfall abgestempelt.
Am liebsten würde ich ein eigenes Billardcenter auf die Beine stellen. Ich habe früher sieben Jahre in einem solchen Betrieb gearbeitet. Man gibt mir aber keine Chance für einen Neuanfang. Mit diesem Frust ist es schwierig, die Spielsucht im Griff zu haben. Statt Zuneigung erlebst du immer wieder Verletzungen. Darum bin ich froh, dass demnächst in meiner Nähe, in Kreuzlingen, eine Selbsthilfegruppe entsteht. Ich denke, dass mich nur Leute verstehen, die das gleiche Problem haben. Ich möchte mich auch ausserhalb dieser Gruppe mit Betroffenen treffen und die Freizeit verbringen. Das gegenseitige Verständnis hilft, einen Rückfall zu vermeiden.
Aufzeichnung: Fridy Schürch
Informationen und Adressen für Spielsüchtige - Auskunft über Selbsthilfegruppen und Spielsperren in Casinos
Die Bundesbehörden schätzen die Zahl der Spielsüchtigen in der Schweiz auf zirka 100000. Geldspielautomaten haben das grösste Suchtpotenzial.
Das neue Spielbankengesetz erlaubt Automaten nur noch in überwachten Casinos und zieht diejenigen in den Gaststätten innert fünf Jahren aus dem Verkehr. Für die künftigen Schweizer Casinos gelten Sozialkonzepte, welche die Gefahr der Spielsucht eindämmen sollen. Ein wirksames Mittel: Spielsperren, die der Casino-Gast zu seinem Schutz beantragen kann. Auch Angehörige eines Spielsüchtigen können auf dieses Instrument zurückgreifen. Neben dem therapeutischen Angebot sind Selbsthilfegruppen (Enonyme Spieler) wichtige Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige.
- Koordinationsstelle der Schweiz (Kosch), Tel. 0848 810 814
- Selbsthilfegruppen: Bern, Berner Oberland, Basel, Zürich; Neugründung Ostschweiz: Kreuzlingen, Tel. 071 672 49 24 oder erichbucher.fspk@bluewin.ch
Bücher:
- Ilona Flüchtenschnieder: «Sehnsucht nach dem Glück», ISBN 3-87581-192-5, Fr. 51.60
- Carola Schmid: «Glücksspiel - Vergnügen und Sucht», ISBN 3-531-12643-1, Fr. 35.-
01. März 2001
