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Lachgas und medizinische Hypnose helfen Angstpatienten, das Löcherflicken auszuhalten
Für viele Menschen ist der Besuch beim Zahnarzt blanker Horror. Die Hälfte der Bevölkerung hat Angst, rund drei Prozent gehen gar nie zum Zahnarzt. Doch es gibt schonende Methoden, um Patienten die Furcht zu nehmen: Lachgas und Hypnose.
Regula Schneider rschneider@pulstipp.ch
Zbigniew Sroga aus Zürich hat das Bild eines Albtraum-Zahnarztes vor Augen: Ein bleiches Gesicht, eine dunkle Hornbrille und lange, elfenbeinfarbene Finger. Der Auslöser dafür war eine Metallkrone, die der Zahnarzt ihm, 11-jährig, einsetzte. «Ich wurde deswegen dauernd gehänselt», erinnert sich der 51-jährige Grafiker, «sogar die Lehrer machten dumme Sprüche.»
Der einzige Zahnarzt, dem sich Sroga anvertraut, ist ein Jugendfreund - und lebt 1600 Kilometer entfernt in seinem polnischen Heimatort. Das bedeutet 25 Stunden Fahrt im Autocar. Selbst im Notfall. «Nach der Fahrt bin ich so müde, dass mir der Besuch beim Zahnarzt nichts mehr ausmacht.»
16 Jahre lang ging sie Zahnärzten aus dem Weg
Rita Rubin aus Belp ging während rund 16 Jahren nicht mehr zum Zahnarzt. Zu oft hatte sie schmerzhafte Behandlungen tränenüberströmt erleben müssen. Bohren war der reine Horror für die 32-Jährige. «Allein beim Gedanken an den Zahnarztbesuch wurde mir heiss und kalt. Ich bekam Schweisshände und Herzrasen.» Doch Rita Rubin wusste: Wenn sie ihre Zähne behalten wollte, musste sie sich behandeln lassen. Ihr Gebiss war mittlerweile voller Löcher, das Zahnfleisch entzündet. Sie war so verzweifelt, dass sie sich eine Zahnbehandlung nur noch unter Vollnarkose vorstellen konnte.
Mit der Angst vor dem Zahnarzt sind Zbigniew Sroga und Rita Rubin nicht allein. Eine Umfrage der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO hat ergeben, dass rund 3 Prozent der Bevölkerung überhaupt nicht zum Zahnarzt gehen. Rund ein Drittel davon gibt Angst als Grund an. «Die Dunkelziffer liegt sicher höher», sagt Peter Jäger vom Informationsdienst der SSO in Bern.
Untersuchungen in Deutschland zeigen ein ähnliches Bild: Über die Hälfte der Bevölkerung ist ängstlich, wenn sie zum Zahnarzt geht. Etwa 10 Prozent nehmen nur bei extrem starken Schmerzen zahnärztliche Hilfe in Anspruch, rund 3 Prozent nicht einmal dann.
Szenenwechsel: Heinz Schenk aus Langenthal liegt auf dem Behandlungsstuhl. Er blickt auf ein Bild, das über ihm hängt. Im Hintergrund läuft leise Musik. Die Stimme des Zahnarztes klingt sanft und monoton. «Sie haben das Bedürfnis, die Augen zu schliessen. Ihre Arme und Beine fühlen sich leicht an. Sie spüren eine wohlige Wärme.» Der Patient schliesst die Augen, atmet ruhig ein und aus. «Nun gehen Sie an einen Ort, an dem Sie sich wohl fühlen», fährt der Zahnarzt fort. «Sie können loslassen und fühlen sich geborgen.»
Ein Weisheitszahn muss heraus. Der Zahnarzt setzt eine Spritze. Die Operation beginnt. Heinz Schenk liegt entspannt da, nicht das kleinste Zucken durchfährt den Körper. Schenk nach der Behandlung: «Ich nahm alles um mich herum wahr. Aber es machte mir nichts aus. Im Geist glitt ich in einem Boot über den Nil. Ich spürte keine Schmerzen. Ich fühle mich wach und ausgeruht.»
Noch bis vor drei Jahren lag auch er völlig verkrampft auf dem Zahnarztstuhl, die Hände in die Armlehnen gekrallt. Seine Angst zeigte sich in einem unbezwingbaren Brechreiz. «Sobald ich einen Fremdkörper im Mundraum spürte, musste ich würgen.» Schliesslich ging er nicht mehr zum Zahnarzt. «Es war mir schrecklich peinlich. Und mein Zahnarzt reagierte überfordert.» Mit der Zeit litt Heinz Schenk unter immer stärkeren Zahnschmerzen. Nach langem Suchen stiess er auf die Adresse des Zahnarztes Jakob Roethlisberger aus Langnau i. E., der oft mit Angstpatienten arbeitet.
Medizinische Hypnose hat nichts mit Schlafen zu tun
Seither lässt er sich mit Hilfe von Lachgas und medizinischer Hypnose behandeln. Für ängstliche Patientinnen und Patienten eignen sich die beiden Methoden kombiniert besonders gut. Das Lachgas, zugeführt durch eine Nasenmaske, entspannt sie, ohne ihnen die Kontrolle über sich zu nehmen. «Die Patienten können sich innert kurzer Zeit auf die Hypnose einlassen», sagt Roethlisberger.
Das Lachgas ist vor allem im Norden Europas seit Jahren erprobt. Eine Katerstimmung müssen die Patienten nicht befürchten. Der Stoff setzt sich nicht im Körper fest. «In geringen Dosen kann man das Lachgas problemlos einsetzen», sagt der Zahnarzt, der auch Kurse für Fachkolleginnen und -kollegen anbietet. Die zahnärztliche Hypnose zielt nicht in erster Linie darauf ab, schmerzunempfindlich zu machen. Eine Spritze gibt es meistens zusätzlich. «Es braucht aber viel weniger Anästhetikum, wenn ein Patient entspannt ist», sagt Roethlisberger.
Hypnose hat nichts mit Schlafen zu tun. Sie gleicht eher dem Zustand, den man beim Einschlafen oder Aufwachen erlebt. «Das Bewusstsein wird vom äusseren Geschehen weg nach innen gelenkt», sagt Fritz Trechslin, Sekretär der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose. Beim Zahnarzt bedeutet dies: Der Patient ist mit seiner Aufmerksamkeit irgendwo, nur nicht auf dem Behandlungsstuhl. Und: «Die Patienten können problemlos selbständig aus einer Hypnose aussteigen», sagt Trechslin. «Es ist nicht möglich, den Willen eines Menschen durch eine Hypnose auszuschalten, wie das bei Show-Hypnose demonstriert wird.»
Die zahnärztliche Hypnose will nicht psychotherapeutisch wirken. Es kommt aber vor, dass Patienten über ihre Gefühle und Gedanken reden möchten, die sie während der Trance erleben. «Ich höre dann einfach zu», sagt Jakob Roethlisberger. Die Hypnose sei auch eine Chance, Kinder vor traumatischen Erlebnissen beim Zahnarzt zu bewahren. «Kinder sind sehr suggestiv, weil sie viel Fantasie haben.»
Auch in Rita Rubin löst der Besuch beim Zahnarzt heute keine Panik mehr aus. Sie lässt sich ebenfalls mit Lachgas und Hypnose behandeln. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich auf einem Zahnarztstuhl jemals entspannen könnte», sagt sie. «Wenn ich Angst habe, spreche ich mit dem Zahnarzt darüber. Dann geht es wieder.» Sie lacht und zeigt eine Reihe weisser, gesunder Zähne.
Puls-Tipps zum Zahnarztbesuch - So überwinden Sie Ihre Angst
Gegen die Angst vor dem Zahnarzt können Sie etwas tun:
- Legen Sie Termine eher auf den Nachmittag. Das Schmerzempfinden ist dann bei den meisten Menschen geringer.
- Bitten Sie die Praxisassistentin, Ihre Termine so zu legen, dass Sie nicht lange warten müssen.
- Wer gut informiert ist, hat weniger Angst. Bestehen Sie darauf, dass Ihnen der Zahnarzt genau erklärt, was er macht.
- Verabreden Sie vor der Behandlung ein Stoppzeichen, bei dem der Zahnarzt die Behandlung sofort unterbricht.
- Entspannen Sie sich - zum Beispiel durch autogenes Training, Meditation oder Yoga.
- Denken Sie während der Behandlung an etwas Schönes.
- Wenn Sie sehr ängstlich sind, sollten Sie zu einem Zahnarzt, der sich mit Angstpatienten auskennt. Listen von Hypnosezahnärztinnen und -zahnärzten gibts bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose SMSH, Fax 041 280 30 36, smsh@smile.ch.
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01. Mai 2002
Kommentare (1) |
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Auch wenn der Artikel schön älter ist, hat er nicht
Aktualität verloren. Aus eigener Erfahrung: Der Zahnarzt und das
Praxisteam müssen einfühlsam sein. Dann eine Methode
wählen, die einen wegdämmern lässt. Man würde sich
ja auch keinen Zehennagel ohne Narkose ziehen lassen. Warum dann einen
Zahn? Zudem sind die Narkosemethoden sanfter geworden (siehe z.B. den
Artikel hier: http://goo.gl/nZ5wc ). Also "keine Panik" ... die
modernen Methoden der Medizin haben auch beim Zahnarzt Einzug
gehalten.
