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Artikel | Gesundheits-Tipp 6+7/2001

Labor-Food für Super-Babys

Säuglingsnahrung aus dem Labor überschwemmt den Markt. Zusatzstoffe in Milch und Brei sollen dafür sorgen, dass Babys nicht mehr aufstossen und spucken - stattdessen schnell klug und stark werden. Doch Experten kritisieren: Nicht die Kinder profitieren vom «Super-Food», sondern die Kassen der Hersteller.

Hans Ulrich Grimm redaktion@pulstipp.ch

Ein Ersatzprodukt für Muttermilch soll Kinder intelligenter machen und ihre Sehkraft stärken, eine Milch aus dem Labor das Immunsystem verbessern. Ein anderes Milchpulver soll Verstopfung bei Babys beheben. Das Bäuerchen nach dem Essen will der Hersteller Milupa gleich mit abschaffen, durch eine «Spezialnahrung für Säuglinge bei Aufstossen und Spucken».

Zahlreiche neue Produkte drängen in die Regale mit Kindernahrung. In der Lebensmittelindustrie herrscht Goldgräberstimmung. Das Zauberwort: Functional Food. 300 Millionen Franken Umsatz seien in der Schweiz für neuartige Lebensmittel mit einem Gesundheitsnutzen zu erwarten, schätzt der Schweizer Wissenschaftsrat.

Der Markt für Baby-Nahrung ist für die Konzerne besonders attraktiv. Der deutsche Nestlé-Manager Hans-Jürgen Klett ist überzeugt, mit den Wunderpulvern für Kids «auch in einer Zeit sinkender Geburtenraten und stagnierender Märkte neue Marktsegmente» zu erschliessen.

Doch jetzt regt sich Kritik gegenüber den neuen Produkten. Der Schweizer Wissenschaftsrat äusserte sich in einer Studie skeptisch. Viele der angeblichen Gesundheitswirkungen seien noch nicht erwiesen, meinen die Autoren. Sie halten es durchaus für möglich, dass auch gesundheitliche Schäden auftreten können und fordern, die neuen Produkte besonders gut zu überwachen.

Schlechte Erfahrungen gibt es schon. Ein Beispiel: Die kleine Rebecca aus Dottikon AG vertrug ihren Reisbrei mit Apfelmus nicht. Sie bekam rötliche Schwellungen im ganzen Gesicht. Damals war das Mädchen gerade ein halbes Jahr alt. Rebecca, so fand der Hausarzt heraus, ist allergisch auf Milch, Käse und Eier. Die besorgten Eltern gaben dem Kind deshalb einen besonderen Brei für allergiegefährdete Kinder, den Beba-HA-Brei von Nestlé. Doch danach sah das Kind noch schlimmer aus: Rebecca bekam plötzlich einen Ausschlag am ganzen Körper, wie bei Röteln oder Masern.

«Die Eltern waren überrascht. Sie haben geglaubt, dass nichts passieren kann», sagt Peter Eng, Oberarzt am Kantonsspital Aarau. Schon mehrfach hatte Eng mit ähnlichen Fällen zu tun. «Nestlés Werbung wiegt die Eltern in falscher Sicherheit», kritisiert er. Denn die Spezialnahrungen enthielten immer noch einen Rest an Allergenen, den Milcheiweissen.


Allergene sollen die «orale Toleranz» erhöhen

Laut Nestlé-Sprecherin Bianca-Maria Exl ist dies allerdings beabsichtigt. Kinder in den ersten vier bis sechs Monaten, die nicht teilgestillt sind, sollten sich durch die allergenarme HA-Säuglingsnahrung an die Allergene «langsam gewöhnen». Diese so genannte orale Toleranz ermögliche, dass die Kinder später Kuhmilch ohne Probleme trinken könnten. Für Kinder, die bereits eine Kuhmilch-Allergie hätten, sei die Nahrung jedoch nicht geeignet. Tierversuche deuten laut der Fachzeitschrift Allergy indes darauf hin, dass das Nahrungmittel allergische Reaktionen beim Kind noch verstärken kann.

Ein anderer Fall: Eine Finnin ernährte sich ein halbes Jahr lang fast ausschliesslich von Joghurt, dem die Hersteller Bakterien vom Typ Lactobacillus rhamnosus GG beigemengt hatten. Das Bakterium sollte gut tun. Doch die Frau erlitt einen Leberabszess, den Ärzte mit dem Bakterium in Verbindung bringen.

Der Lactobacillus rhamnosus ist umstritten. Laut einer Studie im Fachblatt Lancet soll er zwar bei Säuglingen Allergien vermeiden. Kinder, deren Mütter vor der Geburt Dragees mit Lactobacillus rhamnosus GG schluckten, bekamen nur halb so oft allergische Ekzeme wie Kinder, deren Mütter auf die Dragees verzichteten. Das Magazin warnte allerdings vor verfrühter Euphorie - aus Sicherheitsgründen. Denn als Forscher diese Bazillen-Dragees im Rahmen einer anderen Studie neugeborenen Mäusen verabreichten, starben unerwartet viele Tiere. Der Bonner Mikrobiologe Klaus Schaal hält daher gerade bei Neugeborenen Vorsicht für geboten, auch wenn das Risiko gering sei. «Ich würde das meinen Kindern nicht geben», meint er.

Bärbel Hüsing, Mitautorin der Studie des Schweizer Wissenschaftsrats, schlägt vor, die Wirkungen dann genauer zu untersuchen, wenn sich die Produkte bereits am Markt befinden. «Es ist kaum möglich, alle Effekte, die auftreten können, bereits im Voraus abzuschätzen», sagt sie. Auch wisse man nicht, ob sich die Eltern überhaupt an die Vorgaben der Hersteller hielten. «Wenn es in der Werbung heisst, diese Nahrung sei gesund für das Kind, dann könnten Eltern ja denken: Viel hilft viel. Genau das könnte falsch sein», fürchtet sie.


Gesunde Kinder dank frischer Naturprodukte

Doch viele Eltern wollen diese Nahrung gar nicht. «So etwas kommt mir nicht in den Einkaufskorb», sagt die Zürcherin Cosette Schwarz. Die Mutter der 14 Monate alten Olivia ist überzeugt, dass die Natur selbst genügend Wirkstoffe produziert, um Kinder vor echten gesundheitlichen Gefahren zu schützen. «Je weniger man künstlich zusetzt, desto besser kann der Körper eine gut funktionierende körpereigene Abwehr aufbauen», meint sie.

Kathrin Grether, zweifache Mutter aus Fislisbach AG, gibt ihren Kindern Fabienne (21¼2) und Laurin (9 Monate) ebenfalls keine Spezialnahrung. «Ich bevorzuge natürliche Produkte», sagt sie. Den kleinen Laurin hat sie sechs Monate voll gestillt. Seither gewöhnt sie ihn langsam an festere Nahrung. Zunächst bekam er eine Woche lang Brei aus biologisch angebauten Karotten, dann einen Mix aus Karotten und Kartoffeln. Dieser Mix ist jetzt fester Bestandteil seines Menüs, abwechselnd begleitet von Randen, Zucchetti, Kohlrabi oder anderen Gemüsen.

Für eine solche Strategie plädiert auch die Zürcher Kinderärztin Regina Müller. Auch sie ist überzeugt: «Wir leben in der Schweiz mit einem Überangebot an Lebensmitteln. Es muss möglich sein, die Kinder mit frischer Ware zu ernähren. Wir brauchen solche Nährmittel nicht.» Die Spezialnahrung gegen das Bäuerchen schaffe das künstliche Bedürfnis, einen ganz normalen körperlichen Vorgang zu bekämpfen, meint sie. «Es wird behandelt statt ernährt.»

Der Schweizer Wissenschaftsrat ortet gerade bei den probiotischen Joghurts und Milchdrinks, die für Darm und Immunsystem gut sein sollten, grosse Kenntnislücken. Bisher fehle ein Nachweis, dass künstliche Vitamine oder andere Zusätze Krankheiten verhindern. Überhöhte Gaben einzelner Zutaten könnten ausserdem Mangelerscheinungen an anderer Stelle auslösen, fürchten die Wissenschaftler.

Nestlé und Milupa bestreiten dies. Nestlé-Sprecherin Exl sagt, dass es für diese Vermutung keine wissenschaftlichen Belege gebe. Milupa verweist auf gesetzliche Vorschriften, in denen Form und Menge der Zutaten genau festgelegt seien. Doch diese Vorschriften existieren erst für einige der speziellen Bakterien, Eiweisse oder Fette, die beide Firmen ihren Produkten zusetzen.

Auch die Zugabe von Bakterien ist umstritten. Etwa jene «natürlichen probiotischen Bifidus-Kulturen», die Nestlé in die Junior Milk Bifidus füllt. Die Bakterien im Drink oder Joghurt sollen laut Hersteller «einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Abwehrkräfte und für die sanfte Regelung der Darmtätigkeit» leisten.


Kinder brauchen keine Extra-Bakterien

Professor Michael Teuber, Mikrobiologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, bezweifelt, dass die Extra-Bakterien nötig oder gar heilsam sind fürs Kind. Der Grund: Normalerweise erwirbt ein Baby von der Mutter, den Geschwistern und aus der Umgebung all jene Bakterien, die es braucht, um die Speisen zu verarbeiten - darunter auch Bifidus-Bakterien. Es bildet seine Darmflora ganz individuell, abgestimmt auf die eigenen Bedürfnisse.

«Ich frage mich, ob der künstliche Bifidus besser ist als der von der Mutter», sagt Teuber. «Mir wäre ein Bakterium, das ich von meiner Mutter bekomme, lieber als eins von Nestlé.» Überdies bemängelt Teuber das Fehlen von Langzeitstudien zur künstlichen Zufuhr von Bakterien. Die Wirkung sei nicht zweifelsfrei belegt.

Langzeit-Untersuchungen seien nicht sinnvoll, entgegnet Bianca-Maria Exl von Nestlé Schweiz. Denn: «Die Bifidus-Bakterien verlassen den Darm schon drei Wochen nach dem Ende des Verzehrs.» Ausserdem wechsle bei kleinen Kindern die Darmflora bereits nach zwei bis vier Jahren in eine Erwachsenenflora.

Auch für Mathilde Kersting vom deutschen Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund ist die Junior Milk Bifidus eher schlechter als Kuhmilch. Das Nestlé-Getränk enthält weniger Kalzium als normale Milch: nur 78 statt 120 Milligramm pro 100 Milliliter. Kalzium sei aber wichtig für die Knochen. Zusätzliche Vitamine und Mineralstoffe hält sie für unnötig. Begründung: «Ein ernährungsphysiologischer Nutzen liegt nicht auf der Hand».


Werbung hart an der Grenze des Erlaubten

Nestlé ist auch hier anderer Meinung. Die Junior Milk Bifidus enthalte zehnmal mehr Vitamin D als normale Milch, erläutert Bianca Maria Exl. Dadurch könne der Körper das vorhandene Kalzium besser aus der Nahrung absorbieren. Ausserdem, so Exl weiter, lägen Nestlé mehrere Studien vor, die gesundheitliche Wirkungen der Bakterien eindeutig bewiesen. Aufgrund der Schweizer Bestimmungen könne die Firma diese Studien aber in ihrer Werbung nicht verwenden.

Die Werbemethoden der Firmen sorgen zusätzlich für Zündstoff. Die Firmen sprechen zwar von «gesundem Wachstum», «Stärkung der Abwehrkräfte» oder «sanfter Regelung der Darmtätigkeit». Trotzdem verkaufen die Hersteller ihre Produkte nicht direkt als Heilmittel. Denn dann müssten sie sich der strengen und finanziell aufwändigen Prüfung der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel (IKS) unterziehen. Also dürfen sie laut Gesetz nur mit «allgemeine gesundheitsfördernde Wirkungen» werben. Dabei begeben sie sich immer wieder hart an die Grenze des Erlaubten.

Nach Paragraph 19 der Lebensmittelverordnung ist es nicht erlaubt, mit Wirkungen zu werben, die nicht wissenschaftlich nachgewiesen sind. Doch Milupa behauptet zum Beispiel: «Babynahrung mit LCP Milupan von Milupa fördert die geistige Entwicklung.» Die Firma hat einen Bestandteil der Muttermilch, die so genannten LC Pufas (Long Chain Polyunsaturated Fatty Acids, langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren) nachgebaut - und dem Muttermilch-Ersatz Milupa Aptamil beigemengt. Professor Peter Willatts von der schottischen Universität Dundee fütterte damit einige Säuglinge im Alter von zehn Monaten. Dann stellte er ihnen eine Aufgabe. Um Spielzeugkugeln wiederzufinden, mussten sie einen Klotz beiseite räumen und ein Tuch heranziehen. Erst dann war der Weg zu den Kugeln frei. Je zielstrebiger die Kleinkinder zu den Kugeln vorstiessen, desto mehr Punkte erhielten sie. Und siehe: Die LCP-Babys hatten die Nasen vorn.

Für Milupa genügt das als Beweis. Dennoch heisst das noch lange nicht, dass die kleinen Konsumenten der Intelligenzdrinks auch später in der Schule besser abschneiden. Zumal eine andere Studie - 1999 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Lancet veröffentlicht - «keine Anzeichen» für einen intelligenz- fördernden Effekt der LCP-Zusätze erbrachte. Die Firma Milupa behauptet dazu, der in dieser Studie verwendete Test sei «nicht optimal».

Wer entscheidet nun, was wahr ist? Und womit geworben werden darf? Es sind erstaunlicherweise die Firmen. Die Behörden haben resigniert. Adrian Kunz, Rechtsexperte des Bundesamtes für Gesundheit, verweist auf das neue Prinzip der Selbstverantwortung der Hersteller. «Jede Firma muss selber sehen, dass ihre Anpreisungen den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen, sagt er. Der Staat sei als Wächter über die wissenschaftliche Wahrheit überfordert. «Man kann nicht alles unter Kontrolle halten.»

Das verärgert die Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga: «Wenn die Behörde tatsächlich zugibt, sie sei überfordert, dann ist das ein Skandal. Das würde bedeuten, dass sie ihren Aufgaben nicht nachkommt. Sie muss zumindest in der Lage sein, den Firmen vorzuschreiben, wie sie ihre Studien strukturieren sollen.» Sonst sei das ganze Verfahren eine Farce.


Labor-Kost verändert die Essgewohnheiten

Ernährungsexperten sorgen sich wegen der neuen Nahrungsmittel auch um die Ernährungsgewohnheiten der Kinder: «Kinder können sich nicht mehr an den Geschmack herkömmlicher Nahrungsmittel gewöhnen», meint die deutsche Ernährungswissenschaftlerin Mathilde Kersting. Ihre Befürchtung: «Die Kleinen werden gegenüber den Eltern auf den gesüssten Kunst-Produkten mit ihren Chemie-Zusätzen bestehen.» So werden sie vom Familienessen ausgeschlossen und bleiben weit über das erste Lebensjahr hinaus auf Spezialprodukte angewiesen.

Diese profitable Verlängerung des Säuglingsalters ist ganz im Sinne der Firmen. Bei Nestlé Neslac, dem deutschen Parallellprodukt der Junior Milk Bifidus, hat Nestlé dies klar formuliert: Mit dem Produkt «binden Sie Ihre Kunden länger an Ihre Baby- und Kleinkindabteilung», verkündet die Firma in einer Anzeige, die sich an die Händler richtet.

Professor Kurt Bärlocher, ehemaliger Chefarzt des Ostschweizer Kinderspitals St. Gallen, empfiehlt allerdings, die Kinder schon im Alter von einem halben Jahr ans herkömmliche Essen heranzuführen. «Wir sollten möglichst natürliche Nahrung und auch die Vitamine auf natürliche Weise zu uns zu nehmen», meint er.

Erstaunlich ist: Die Kinder wissen selber, was am besten für sie ist. Die kanadische Kinderärztin Clara Davis liess schon um 1920 Kleinkinder im Alter von sechs bis neun Monaten frei wählen. Sie konnten Äpfel und Bananen essen. Fisch, ja sogar Innereien und Knochenmark standen ebenfalls auf dem Tisch. Ergebnis: Die Kinder wählten instinktiv das, was für sie gesund war. Sie glichen sogar automatisch Defizite aus. Ein Kind mit wenig Magensäure ass vorzugsweise Saures, eines mit Rachitis nahm sogar freiwillig Lebertran. Der holländische Professor Egon P. Köster fand zudem heraus: Kinder mögen eigentlich nichts Neues. «Neophobie» nennen das die Forscher. Vermutlich sind die Kinder instinktiv einfach vorsichtig.

Mitarbeit: Claudia Peter



Von der Mutterbrust an den Familientisch

- Stillen Sie mindestens sechs Monate lang. Das schützt am besten vor Allergien. Mit fachkundiger Anleitung erreichen fast alle Frauen einen genügenden Milchfluss.

- Führen Sie ab dem sechsten Monat Schritt für Schritt Beikost ein. Zunächst Karottenbrei, dann Reis oder Hirse. Geben Sie langsam andere Gemüse bei. Nicht salzen!

- Fügen Sie ab dem 7. oder 8. Monat Getreideobstbrei hinzu.

- Fisch, Fleisch, Soja und Nüsse sollte das Kind im ersten Lebensjahr nicht essen. Allergiegefahr!

- Gegen Ende des ersten Lebensjahres sollte die Ernährung des Säuglings allmählich in Kleinkinder-Kost übergehen.

01. Juni 2001


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