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«Ich mache gern ein Spässli»
In der Kartause Ittingen gefällt es mir. Hier wohne ich und finde mich problemlos zurecht, auch wenn ich keine Details sehen kann. Auf dem Weg zu meinem Zimmer kenne ich jede Stufe und jede Ecke. Da vergesse ich manchmal fast, dass ich nur noch sechs Prozent meiner Sehkraft habe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die Natur. Oder besser: Ich spüre sie. Es ist still und es riecht nach Wiesen und Bäumen. Wie im Toggenburg, wo ich aufgewachsen bin. Das stimmt mich froh.
Ich lebe wegen meiner Sehbehinderung hier. Der Grund dafür ist eine Kieferkorrektur, die sich nach meinem Lehrabschluss aufdrängte. Die Operation brachte optisch ein befriedigendes Resultat, medizinisch war sie ein Fehlschlag. Ich lag danach 14 Tage lang im Koma.
Als ich endlich wieder aufwachte, hatte ich Mühe, meine Bewegungen zu koordinieren, konnte weder richtig sprechen noch sehen. Die Sehschwäche ist eine Reaktion auf die Medikamente, die ich während der Kieferoperation bekommen hatte. Sie haben zu Durchblutungsstörungen geführt. Die Ärzte nahmen meine Sehbehinderung allerdings nicht ernst. Sie sagten einfach, das komme schon wieder gut.
In der Rehabilitationsklinik im thurgauischen Zihlschlacht trainierte ich das Sprechen und lernte, mich wieder normal zu bewegen. Später, in der sozialen Rehabilitation für Sehbehinderte in Basel, lernte ich auch das Schreiben auf der Schreibmaschine. Seither führe ich ein Tagebuch. Ich habe schon 300 A4-Blätter vollgeschrieben. Wenn ich schon nicht mehr lesen kann, will ich wenigstens noch schreiben.
Um mit dem Geld zurechtzukommen, habe ich ein spezielles Portemonnaie. Es hat einen Behälter für jede Münzeinheit. Bekomme ich zum Beispiel Retourgeld, presse ich Münze um Münze in die entsprechenden Behälter. So kann ich kontrollieren, ob es stimmt.
Meine Augen können die Ärzte nicht operieren. Auch eine Brille bringt nichts. Ein Energieheiler versuchte es einmal mit Handauflegen. Vergebens. Ich glaube nicht an solche Sachen. Schade um die 5000 Franken, die mein Vater bezahlt hat.
Wenn das Wohnheim belegt ist, sind wir 30 Heimbewohner, darunter auch ein paar Frauen. Ich verstehe mich mit allen gut. Wenn ich sage: "So ist es und nicht anders", dann hören sie auf mich. Tagsüber arbeite ich auf dem Gutsbetrieb. Ich füttere die Kühe und erledige, was halt sonst noch so alles bei der Viehhaltung anfällt. Abends dürfen wir bis um 22 Uhr ausgehen. Ich bleibe meistens in meinem Zimmer. Höre Musik, schreibe oder sehe fern. Wenn ich ganz nah an den Bildschirm herangehe, kann ich das Geschehen einigermassen verfolgen. Manchmal gehe ich auch zu unserem Melker Urs Lang. Er ist bei der Arbeit mein Vorgesetzter. Mit ihm kann ich gut reden, er ist wie ein Freund zu mir. Ab und zu liest er mir aus der Bauernzeitung vor.
Am Wochenende fahre ich immer nach Hause. Mit dem Zug, allein. Das geht problemlos. In Wattwil helfe ich meinem Bruder Walter, der jetzt den Bauernhof meiner Eltern führt. Ich habe meine Zukunft auch in der Landwirtschaft gesehen. Trotzdem habe ich Maurer gelernt. Bei sechs Geschwistern war es immer klar, dass der Platz und die Arbeit auf dem Hof nicht für alle reichen würde. Jetzt bin ich halt der Hilfsarbeiter. Aber das stört mich nicht. Wir haben es gut zusammen. Besonders freue ich mich jeweils auf mein vierjähriges Göttimeitli Anna. Wir zwei haben auch schon alleine eine Zugreise gemacht.
Eine eigene Familie wäre schon schön. Ich könnte sie auch ernähren mit meiner IV- und der Suva-Rente. Als Behinderter jedoch ist es schwierig, eine Frau zu finden. Ich traue mich auch nicht so recht. Eine Freundin täts auch. Jeden zweiten Dienstagabend gehe ich nach Wattwil in die Tanzgruppe. Nicht nur wegen den Frauen. Ich liebe auch die Volksmusik. Ein anderes Hobby ist das Schwingen. Aber mit einem Hosenlupf kann ich einer Frau wohl kaum imponieren!
Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Meine Bekannten wundern sich manchmal darüber. Ich bin eine frohe Natur! Ich mache gern ein Spässli. Das macht das Leben leichter. Im Vergleich zu anderen Heimbewohnern geht es mir gut. Ich verwalte mein Geld selber und habe keinen Vormund. Doch, ich bin zufrieden.
Aufgezeichnet: Evi Biedermann
Eine Arbeit, die den Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht
- In der Schweiz leben und/oder arbeiten rund 35000 Menschen in 800 geschützten Werkstätten und Wohnheimen. Sie erwirtschaften pro Jahr einen Produktionserlös von über 200 Millionen Franken.
- Die behinderten Menschen werden für ihre Arbeit entlöhnt. Davon steht ihnen ein Teil als Taschengeld zur Verfügung. Die Wohn- und Aufenthaltskosten bezahlen sie selber, in der Regel aus IV-Beiträgen, Ergänzungsleistungen und ihrem Lohn.
- Ziel des betreuten Arbeitens und Wohnens ist, den Frauen und Männern eine Beschäftigung zu übertragen, die ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht. Wo immer möglich, soll auch ihre soziale und wirtschaftliche Integration unterstützt werden.
- Weitere Informationen: Insos (Soziale Institution für Menschen mit Behinderung), Bürglistrasse 11, 8002 Zürich Tel. 01 202 70 35, www.insos.ch
Ausserdem bei allen kantonalen Fürsorgeämten und lokalen IV-Stellen
01. Oktober 2001
