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Wer seinen Blutdruck niedrig hält und nicht raucht, senkt das Risiko beträchtlich
Ein Schlaganfall kommt aus heiterem Himmel. Dennoch gibt es Vorboten: Hoher Blutdruck, Übergewicht, Diabetes sowie Rauchen schädigen die Arterien - das Schlaganfall-Risiko steigt. Der Puls-Tipp sagt, wie Sie vorbeugen können.
Regula Schneider rschneider@pulstipp.ch
Am 5. August 2000 veränderte sich das Leben von Berthi Arn aus Niederbipp dramatisch: Es ist ein regnerischer Samstagvormittag. Plötzlich kann die 72-Jährige ihre rechte Hand nicht mehr bewegen. Berthi Arn schaut ihre siebenjährige Enkelin Fabienne an und will etwas sagen - doch sie bringt keinen Ton über die Lippen.
Fabienne ruft nach dem Mami. Yvonne Eberhard ist rasch zur Stelle. Sie wohnt mit ihrer Familie im selben Haus. Notfallmässig fährt sie die Rentnerin zum Hausarzt. Dieser vermutet einen Schlaganfall und schickt Berthi Arn, die mittlerweile wieder ein wenig sprechen kann, ins Spital Oberaargau Langenthal. Die Computer-Tomografie bestätigt den Verdacht: Verschlossene Hirnarterien - Schlaganfall.
Die schlimmen Auswirkungen zeigen sich erst am folgenden Morgen. Als Berthi Arn aufwacht, kann sie erneut nicht mehr sprechen, ihre rechte Seite ist gelähmt, das Schlucken fällt ihr schwer. Und nur langsam kommt das Denken wieder.
Von drei Betroffenen wird nur einer wieder völlig gesund
Wie Berthi Arn ergeht es in der Schweiz jährlich rund 12500 Menschen. Einer von drei Patienten stirbt, einer bleibt lebenslang behindert - und nur einer wird wieder gesund. «Bei einem Schlaganfall werden bestimmte Bereiche im Gehirn schlecht oder gar nicht mehr durchblutet», erklärt Philippe Lyrer, leitender Arzt der Neurologischen Universitätsklinik Basel und Spezialist für Schlaganfälle.
Die häufigsten Symptome sind taube oder gelähmte Arme und Beine, Schwindel, Sprach- und Sehstörungen, Verwirrtheit sowie Gleichgewichtsprobleme. Die Folgen eines Schlaganfalls sind meistens dauerhaft:
- Patienten bleiben teilweise gelähmt oder können bestimmte Bewegungen nicht mehr ausführen.
- Sprechen, Lesen und Schreiben gelingt mühsam oder gar nicht; die Patienten haben Mühe, Gesprächen zu folgen.
- Kauen und Schlucken geht nur langsam.
- Die Patienten sind vergesslich und können sich nur schwer orientieren. Manche leiden auch unter Sehstörungen.
- Ein Schlaganfall stürzt die meisten Betroffenen in eine Abhängigkeit. Als Folge werden viele depressiv und teilnahmslos.
Manche dieser Behinderungen bilden sich durch gezielte Therapien vollständig zurück. Die Rehabilitation sollte so früh wie möglich beginnen. In den grossen Universitätskliniken gibt es spezialisierte Teams zur Behandlung von Hirnschlag-Patienten, so genannte Stroke-Units. In diesen Abteilungen starten die Patienten früh mit Krankengymnastik, Ergo- und Physiotherapie. In intensiven Logopädiestunden trainieren sie Sprechen, Lesen und Schreiben.
Berthi Arn konnte in der ersten Zeit nach dem Schlaganfall weder sprechen noch lesen oder schreiben. «Anstelle von Wörtern kamen unverständliche Laute heraus. Wollte ich meinen Namen schreiben, entstand unlesbares Gekritzel», erinnert sie sich. Die früher so aktive, lebensfrohe Frau verlor allen Lebensmut: «Ich hatte Angst, mich nie wieder verständigen zu können.» Gemeinsam mit ihrer Enkelin, die in die erste Klasse geht, musste sie Buchstaben für Buchstaben wieder lernen. «Alles war ganz neu für mich.»
In ein paar wenigen Fällen ist eine Hirnblutung für den Schlaganfall verantwortlich. «85 Prozent aller Hirnschläge entstehen durch den abrupten Verschluss einer Hirnarterie», erklärt Philippe Lyrer. Dem Schlaganfall gehen meistens jahrelange Leiden voraus. Häufig liegen Herzkrankheiten vor, die dazu führen, dass Blutgerinnsel in die Hirnstrombahn eingeschwemmt werden. Der akute Arterienverschluss ist oft das Resultat der Arteriosklerose, der jahrzehntelangen Schädigung der Arterienwand.
Risikofaktoren, die Schlaganfälle begünstigen, entsprechen im Wesentlichen denen für Arteriosklerose: zu hoher Blutdruck, Rauchen, Diabetes, zu viel Cholesterin, Übergewicht, Herzkrankheiten, Alkoholmissbrauch, Vererbung.
Eine wichtige Rolle spielt das Alter. Mehr als die Hälfte der Schweizer Schlaganfall-Patienten ist über 60 Jahre alt. Je mehr solcher Faktoren zusammenkommen, desto höher ist das Risiko für einen Schlaganfall. Berthi Arn hatte Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und war vorbelastet durch die Mutter.
«Bluthochdruck gehört zu den gefährlichsten Risikofaktoren», sagt Lyrer. «Menschen, die jahrelang einen zu hohen Blutdruck haben, weisen ein drei-, bis vierfach höheres Schlaganfall-Risiko auf als Leute mit normalem Blutdruck.» Ein hoher Blutdruck belastet die Gefässe stark. Mit der Zeit werden die Arterienwände brüchig. Ein Gefäss kann sogar platzen. Ab 50 Jahren gilt: Bleibt der Blutdruck über Wochen oder gar Monate beim oberen Wert (systolisch) über 140 und beim unteren (diastolisch) über 90, sind blutdrucksenkende Medikamente nötig.
Übergewicht abbauen - und das Risiko sinkt
Auch zu viele Blutfette wirken sich negativ aus, vor allem das Cholesterin. Es lagert sich in Arterienwänden ab. Dies verengt und verhärtet die Arterien, der Blutzufluss gerät ins Stocken. Übergewicht schadet ebenfalls, fördert Bluthochdruck und Diabetes - und damit das Schlaganfall-Risiko. Aber: Es ist nie zu spät, gesünder zu leben und damit die Gefahr zu verringern. «Wer sich fettarm ernährt und mässig Sport treibt, beugt bereits vor», sagt Philippe Lyrer.
Besonders schädlich ist das Rauchen. Nikotin verengt die Gefässe, begünstigt Vorhof-Flimmern und mindert den Sauerstoffgehalt im Blut. Kommen weitere Risikofaktoren dazu, kann die Gefahr auf das Zwanzigfache steigen. Frauen, die rauchen und die Pille nehmen, sind ebenfalls überdurchschnittlich gefährdet.
Zur Vorsorge gehört, sich gegen hohen Blutdruck, Diabetes und andere Leiden behandeln zu lassen. «Blutdrucksenkende Medikamente verringern das Risiko beträchtlich», sagt Philippe Lyrer.
Ein Mensch kann mehrere Schlaganfälle erleiden. Hier können Medikamente vorbeugend wirken. Auf welche die Wahl fällt, hängt von den Ursachen ab. War am ersten Schlaganfall ein Blutpfropf schuld, verordnen Ärzte oft Gerinnungshemmer. Sie sollen verhindern, dass sich weiterhin Blutplättchen zusammenklumpen. Manchmal ist es notwendig, die Halsschlagader operativ wieder zu erweitern. «Wichtigstes Ziel nach einem Hirnschlag bleibt aber ein normaler Blutdruck», so Lyrer.
Deshalb nimmt Berthi Arn Medikamente, isst fettarm und bewegt sich viel. Mit Hilfe von Physiotherapie und Logopädiestunden hat sie sich den Alltag Schritt für Schritt zurückerobert. Heute lebt sie selbständig in ihrer vertrauten Umgebung. «Mein innigster Wunsch ist es, noch besser sprechen zu lernen», meint sie. Und dafür möchte sie sich mindestens noch ein Jahr Zeit geben.
Das können Sie tun, um einen Schlaganfall zu verhindern
Für einen niedrigeren Blutdruck:
- Essen Sie fettarm und nehmen Sie genügend Kalium zu sich. Es ist in Bananen, gedörrten Aprikosen oder Apfelsaft enthalten.
- Ersetzen Sie Salz durch Gewürze und Kräuter.
- Gehen Sie täglich eine halbe Stunde lang spazieren.
- Trinken Sie nicht mehr als ein Glas Wein pro Tag.
Für niedrige Cholesterinwerte:
- Seien Sie zurückhaltend mit Nahrungsmitteln tierischer Herkunft wie Fleisch, Wurst, Butter.
- Verzichten Sie auf Eigelb, Innereien und Meeresfrüchte.
- Viel Obst, Gemüse, Kartoffeln, Getreideprodukte und Vollkornbrot.
- Trinken Sie viel ungezuckerten Tee oder Mineralwasser.
Bauen Sie Übergewicht ab.
- Als Massstab für Übergewicht gilt der Body-Mass-Index (BMI). Berechnung: Gewicht (kg) geteilt durch Körpergrösse im Quadrat (m2). Also: BMI = kg : m2. Ein BMI über 25 zeigt Übergewicht an.
Vermeiden Sie Stress.
- Lernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training, Muskelrelaxation. Entspannen Sie sich täglich 20 Minuten.
Informationen:
Broschüren über Herz-KreislaufKrankheiten: Schweizerische Herzstiftung, Schwarztorstrasse 18, Postfach 368, 3000 Bern 14, Tel. 0900 553 144. Beratungstelefon jeweils mittwochs 17 bis 19 Uhr: 0878 800 810 E-Mail: info@swissheart.ch Internet: www.swissheart.ch
01. November 2001
