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Artikel | saldo 19/2001

Der grosse Etikettenschwindel

Kaschmir ist weich, sinnlich und warm. Doch die Hersteller mischen teuren Kaschmir-Pullovern in den meisten Fällen billige Wolle bei. Ein grosser Test beweist den Schwindel.

Kaschmir, eines der edelsten und teuersten Textilmaterialien der Welt, steht für Weichheit, Sinnlichkeit und Luxus. Er wärmt den Körper und hüllt ihn angenehm sanft ein. Längst ist Kaschmir nicht mehr nur gutbetuchten Trendsettern vorbehalten. Viele Warenhäuser bieten die Edelfaser zu Billigpreisen an. Nur, nicht jedes Schnäppchen hält, was es verspricht. Und nicht überall, wo «100 Prozent Kaschmir» draufsteht, sind auch 100 Prozent Kaschmir drin.


Drei Viertel der Pullover falsch deklariert

Kassensturz liess zusammen mit saldo und der Westschweizer Konsumentensendung A Bon Entendeur acht als «100 Prozent Kaschmir» deklarierte Pullover vom Schweizerischen Textilprüfungsinstitut Testex in Zürich auf ihren wahren Kaschmirgehalt testen. Das Ergebnis: Nur gerade zwei von acht Pullovern entsprachen der Anpreisung auf dem Etikett und enthielten tatsächlich 100 Prozent Kaschmir. Die restlichen sechs Pullover waren falsch deklariert - ein Verstoss der Hersteller gegen das Bundesgesetz über den unlauteren Wettbewerb.

Einwandfrei deklariert waren nur der kamelfarbene Herrenpullover von Grieder für 350 Franken und der hellblaue Damenpullover von Modissa für 269 Franken. Beide Modehäuser betonen, dass sie ihre Lieferanten genau kontrollieren und die eingekauften Produkte regelmässig überprüfen lassen. «In der heutigen Zeit ist das umso wichtiger, weil der Markt mit qualitativ schlechter Ware überschwemmt und mit dem Begriff Kaschmir viel Unfug getrieben wird», erklärt Tomas Urscheler, Direktor von Grieder.


Die zarten Fasern haben ihren Preis

Tatsächlich bieten sich den Produzenten bei der Herstellung des Kaschmirgarns viele Gelegenheiten, die teuren Fasern mit billiger Wolle zu strecken. Denn der Weg von der Kaschmirziege bis zum fertigen Pullover ist lang. Im Frühling entfernen die Bauern den Haarflaum mit einem grobzinkigen Kamm. Anschliessend wird das feine Kaschmirhaar meist mit der Hand von rauem Deckhaar, Schmutz und Schuppen getrennt, aber es ist nie ganz auszuschliessen, dass noch Deckhaar im edlen Kaschmirflaum steckt. Am Ende bleiben magere 120 bis 180 Gramm Rohkaschmir pro Ziege übrig - rund sechsmal so viel wird durchschnittlich für einen Pullover benötigt.

Die letzten beiden Winter waren in der Mongolei, wo ein Viertel der Ziegen gehalten werden, überdurchschnittlich kalt. Dabei sind viele Tiere gestorben. Kaschmir wird deshalb immer rarer. Das hat sich auf den Preis ausgewirkt. Zudem herrscht in Afghanistan - einem traditionellen Herkunftsland von Kaschmir - Krieg. Ende 1998 kostete ein Kilogramm der zarten Fasern rund 75 Franken. Mitte letzten Jahres schnellte der Preis auf über 200 Franken. Heute kostet ein Kilo der zarten Fasern rund 130 Franken, das ist etwa zehnmal so viel wie normale Schafwolle.

Die Verlockung der Garnhersteller ist deshalb gross, Wolle für Kaschmir zu verkaufen: «10 bis 50 Prozent der Kaschmirprodukte sind falsch gekennzeichnet», schätzt Karl Spilhaus, Präsident der Dachorganisation der Kaschmirverarbeiter Cashmere and Camel Hair Manufacturers Institute in Boston.


23 Prozent zu wenig Kaschmir bei der Migros

Für skrupellose Hersteller und Lieferanten ist der Anreiz gross, dem Käufer Schaf als Ziege anzudrehen. Und das wird häufig getan, wie der Test zeigt. Besonders krass ist das Resultat beim dunkelblauen Damenpullover Life Style, gekauft für 129 Franken bei der Migros. Dieser Pullover bestand nur zu 76,5 Prozent aus Kaschmir. Der Rest entpuppte sich als normale Wolle. Migros lässt den Pullover jetzt selber testen und will bis zum Erhalt der Ergebnisse keine Stellung nehmen.

Nur 83,5 Prozent Kaschmir fand das Labor im Damenpullover der Marke Essentials von Globus. Kurt Gallmann, Einkaufsleiter bei Globus: «Wir werden den Pullover bis zum Vorliegen eines Nachtestergebnisses aus dem Verkauf nehmen.»

Auch der Kaschmirgehalt des roten Damenpullovers von Alberto Fabiani, gekauft für 159 Franken bei Spengler, liegt mit 84,5 Prozent unter dem, was das Etikett verspricht. «Das Ergebnis erstaunt uns sehr», sagt Peter Hauser, Einkaufsdirektor bei Spengler, «wir werden selber Tests veranlassen und Rücksprache mit unserem Lieferanten nehmen.»


Bei Mischpullovern gabs bessere Testresultate

Immer mehr Hersteller mischen dem reinen Kaschmir Seide oder andere Fasern bei, um das Material strapazierfähiger zu machen. Deshalb liessen Kassensturz, saldo und A Bon Entendeur zusätzlich acht Mischpullover mit je 45 oder 50 Prozent Kaschmir überprüfen. Das Resultat war weniger schlecht als bei den reinen Kaschmirpullovern. Einzig der Kaschmirgehalt des Damenpullovers der Marke Mohn, gekauft bei Mode Keller für 179 Franken, lag unter dem angegebenen Wert. Die übrigen Mischpullover gaben kaum zu Beanstandungen Anlass. Der bei Globus für 129 Franken gekaufte Damenpullover von Essentials übertraf sogar die Vorgabe auf dem Etikett. Hier fand das Labor 20 Prozent mehr Kaschmir als angegeben.


Je nach Qualität unterschiedliche Fusselbildung

Das Labor fand auch bei der Qualität der Kaschmirpullover grosse Unterschiede. Das hochwertigste Kaschmirhaar wird in Höhen von bis zu 4500 Metern gewonnen. In diesen Regionen wächst das Unterhaar der Kaschmirziegen besonders lang zum Schutz vor der bitteren Kälte. Entsprechend dauerhaft wird auch das Garn.

Wie solide und strapazierfähig ein Pullover schliesslich ist, zeigt sich daran, wie stark er dazu neigt, auf der Oberfläche kleine Fusselknötchen zu bilden. Diesen Vorgang nennt man Pilling. «Je kürzer die Kaschmirfaser, desto eher löst sie sich aus dem Gestrick und desto eher bilden sich kleine Haarknötchen», erklärt Jean Pierre Haug vom Testinstitut Testex.

Von den im Labor geprüften 16 Pullovern haben 11auf einem grossen Teil der Oberfläche ausgeprägte Knötchen gebildet. Kaum zum Pilling neigen die Pullover von Modissa und Globus. Diese Pullover enthalten auch den deklarierten Anteil Kaschmir und schwingen beim Test obenaus - der Mischpulli etwa zum günstigen Preis von 129 Franken.

Bevor man sich eine Ziege als Schaf aufbinden lässt, lohnt es sich, im Laden den Pullover genau anzuschauen: Kaschmir glänzt nicht und sollte sich weich anfühlen. Wenn man den Pullover etwas auseinander zieht und loslässt, sollte er exakt in seine ursprüngliche Form zurückkehren. Alles andere könnte ein Schaf im Ziegenpelz sein.

Angela Achtnich



Pflegehinweise - «Wie eigenes Haar behandeln»

Strickwaren aus Kaschmir sollte man behandeln wie sein eigenes Haar», empfiehlt Karl Spilhaus, Präsident der Dachorganisation der Kaschmirverarbeiter (CCMI) in Mailand und Boston. Er gibt folgende Tipps:

- Kaschmirpullover in lauwarmem Wasser mit einem milden Shampoo waschen, sanft ausdrücken und auf einem Handtuch liegend trocknen lassen.

- Nasse Kleidungsstücke nie in der Nähe von Heizkörpern oder in der grellen Sonne trocknen.

- Falten legen sich, wenn man der Strickware nach dem Tragen eine 24-stün-dige Pause gönnt.



Herkunft - Wärmende Faser aus Zentralasien

Kaschmir ist das dichte, weiche Unterhaar der zentralasiatischen Kaschmirziege. Im 19. Jahrhundert wurden Europäer in der indischen Provinz Kaschmir erstmals auf den edlen Flaum aufmerksam. Heute stammt nur noch ein kleiner Teil der Luxusfaser aus diesem Gebiet.

Mehr als drei Viertel der insgesamt 40 Millionen Kaschmirziegen weltweit werden von Nomaden in den mongolischen und nordchinesischen Hochplateaus rund um die Wüste Gobi gehalten. In diesen eisig kalten und trockenen Regionen bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad wächst den Tieren langes, wärmendes Unterhaar zum Schutz vor der Kälte.

Von blossem Auge ist der Unterschied von Kaschmir und Wolle kaum zu erkennen. Einzig die Faseranalyse unter dem Rasterelektronen-Mikroskop kann die Fasern unterscheiden: Nur die dünnen, kaum beschuppten Fasern sind echter Kaschmir. Die dicken, grobschuppigen Fasern hingegen sind billige Wollfasern. Textilfachleute brauchen grosse Erfahrung, um die Fasern unterscheiden zu können.

21. November 2001


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