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Patienten, die an Herzschwäche leiden, müssen trotz Medikamenten häufig ins Spital. Ein neues Behandlungsprogramm soll das verhindern.
Wenn Anna Leuenberger die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hochsteigt, gerät sie schon nach wenigen Stufen ausser Atem: «Dann muss ich stehen bleiben und tief durchatmen», schildert die 73-jährige Rentnerin ihre Zwangspausen. Ein Zustand, der für die aktive Frau nicht leicht zu akzeptieren ist. Seit einer schweren Herzoperation vor sieben Jahren wird ihr Herz zunehmend schwächer. Kardiologe Martin Büchi stellte eine um die Hälfte reduzierte Pumpleistung fest - im Fachjargon eine Herzinsuffizienz.
In der Schweiz leiden über 100 000 Menschen an Herzinsuffizienz, Tendenz steigend. Häufigste Ursache sind Herzinfarkte, hoher Blutdruck und Defekte an den Herzklappen. Während beim Herzinfarkt der Herzmuskel direkt geschädigt wird, ermüdet der jahrelang ungenügend behandelte Bluthochdruck oder eine defekte Herzklappe den Herzmuskel bis zur Erschöpfung. Herzinsuffizienz ist nicht heilbar und wird sehr schnell lebensbedrohlich. Schlägt das Herz zu schwach, sammelt sich Wasser im Körper an, es kommt zu geschwollenen Knöcheln und zu Wasser in der Lunge. Folge: Atemnot und Erstickungsgefühle.
Trotz Medikamenten wiederholen sich die Krisen
Ohne Medikamente könnten Patienten mit Herzinsuffizienz nicht überleben. Auch Anna Leuenberger nimmt täglich neun Tabletten ein. Die einen unterstützen den schwachen Herzmuskel, die andern schonen ihn - eine heikle Gratwanderung.
Anna Leuenberger erlebt immer wieder Tage, an denen sie zu schwach ist, um aus dem Haus zu gehen. Sie lag auch schon mit Wasser auf der Lunge zehn Tage im Spital. Solche Notfallsituationen sind bei Herzinsuffizienzpatienten häufig - und auch teuer. Spitalaufenthalte machen zwei Drittel ihrer Behandlungskosten aus; das restliche Drittel sind Medikamente und sonstige Arztkosten. Grund genug, um mit speziellen Behandlungsprogrammen, so genanntem Disease Management, Notfälle zu vermeiden. Erfolge aus dem Ausland lassen aufhorchen: Studien sprechen von einem deutlichen Rückgang der Spitaleinweisungen und Behandlungskosten.
Seit zwei Wochen ist Anna Leuenberger im Herzprogramm des Medix-Ärzteverbundes. Sie lernt alles über ihre Krankheit, über die Wirkung der Medikamente, richtige Ernährung und angepasste Bewegung. Zentral ist, eine Verschlechterung des Zustandes früh zu erkennen. Gelingt das, kann sie sich selbst oder nach Rücksprache mit dem Arzt durch Anpassung der Medikamente helfen.
Tägliche Kontrolle des Körpergewichts mit Telemedizin
Die Idee, Herzinsuffizienz-Patienten zu Experten ihrer eigenen Krankheit werden zu lassen, ist nicht neu: Sie wird schon seit Jahren von der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie propagiert. Neu beim Programm der Medix ist, dass sich Hausärzte und nicht ein Spital mit modernen Formen des Disease Managements auseinander setzen.
Neben der Aufklärungsarbeit über die Krankheit, welche in Zukunft von einer Gesundheitsschwester durchgeführt werden soll, ist die tägliche Kontrolle des Körpergewichts äusserst wichtig. «Die Patienten merken oft zu spät, wenn sich im Körper Wasser ansammelt und sie dadurch zunehmen», erklärt Kardiologe Martin Büchi. Um die Kooperation der Patienten zu erleichtern, setzen die Medix-Ärzte auf neue Technologien. So steht Anna Leuenberger jeden Morgen auf eine Waage, welche per Telefon mit einer speziellen Telemedizinzentrale verbunden ist. Steigt das Gewicht, schlägt die Zentrale Alarm beim Arzt.
Arzt hat Zugang zur Krankengeschichte via Internet
Zusätzlich haben die Patienten die Möglichkeit, ihre Krankengeschichte im Internet zu speichern (www. medlook.ch). So kann sich der Notfallarzt am Wochenende oder am Ferienort rasch über die Situation seines Patienten informieren. Gegen Missbräuche dieser Daten erhalten die Patienten ein Passwort und einen Code - ihr Name taucht nirgends auf. Die Kosten von vorläufig 800 Franken für die Medix-Schulung werden als Pflichtleistung von den Krankenkassen übernommen (10 Prozent Selbstbehalt). Die Internetkrankengeschichte ist gratis.
Urs Sloksnath
Herzprogramm - Umfassende Betreuung
Disease Management ist ein neues Zauberwort in der Medizin, speziell auch in der Behandlung der Herzinsuffizienz. Aber was bedeutet es? Andreas Weber, Leiter des Medix-Herzprogramms in Zürich, erklärt es: «Bei chronischen Krankheiten, wie zum Beispiel Diabetes, Lungenerkrankungen oder Herzinsuffizienz, genügen die üblichen periodischen Kontrollen beim Hausarzt oft nicht, um die Krankheit im Griff zu behalten. Durch Disease Management soll die Betreuung der Patienten umfassender werden. Alle Massnahmen des Hausarztes, Spezialarztes, des Spitals, der Krankenschwester, Ernährungsberaterin oder des Physiotherapeuten sind darauf abgestimmt, dass der Patient seine Krankheit besser kontrollieren kann. Da verschiedene Leute gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten, braucht es eine gute Koordination der Tätigkeiten, ein Management der Krankheit.»
Herzschwäche - Symptome und Anlaufstellen
Folgende Symptome sind klare Kennzeichen für eine Herzschwäche:
- Atemnot bei Anstrengung oder beim flachen Liegen
- häufiger trockener Husten
- geschwollene Füsse, Gelenke und Beine
- Gewichtszunahme auf Grund von Wasseransammlungen
- Müdigkeit, Schwäche, Erschöpfung
- Schmerzen oder Druck im Brustraum
- rascher oder unregelmässiger Herzschlag
Informationen zum Herzbehandlungsprogramm erhältlich bei: Medix-Ärzteverbund, Zürich, Telefon 01 365 30 30; Inselspital Bern, Telefon 031 632 30 77; ambulantes kardiales Rehabilitationsprogramm Region Basel «Karamba», Telefon 061 265 55 27.
Das Herz-Telefon der Schweizerischen Herzstiftung und der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie erteilt Auskünfte zu Herz und Kreislauf: Tel. 0878 800 810 (Verrechnung zum Ferntarif ohne Zuschlag), jeden Mittwoch von 17 bis19 Uhr.
Informationen im Internet: www.medix-aerzte.ch www.heartfailure.ch www.herzstiftung.ch www.karamba.ch
23. Mai 2001
