SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 16/2000

Fischprodukte - Gnadenlose Fangmethoden: Ausrottung der Fischbestände

Fisch ist gesund - aber vom Raubbau der Industrie bedroht. Coop und Migros wollen nun mit Labels für Produkte aus nachhaltiger Fischerei garantieren. Die neue Seafoodkette Nordsee begnügt sich vorerst mit Versprechen.

Ernährungsberater empfehlen: Fisch soll zweimal wöchentlich auf dem Speiseplan stehen. Mit hochwertigem Eiweiss, Jod und Omega-3-Fettsäuren sei der leicht verdauliche Proteinspender dem Fleisch vorzuziehen. Die Botschaft ist im alpinen Binnenland Schweiz noch nicht durchgedrungen. Nur sieben Kilo macht der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch aus - der Hauptharst davon tiefgefroren oder eingedost. Nun will die deutsche Fast- und Seafoodkette Nordsee zusammen mit der Zürcher Partnerin Candrian Seafood ihre Netze im Alpenland auswerfen.

Ungewöhnlicher Ankerplatz ist der Zürcher Hauptbahnhof. Von Freitag, 13. Oktober, an weht eine Brise Meer durch die ehemalige "Rösti-Bar". Neben Heringsbrötchen, Fisch-Nuggets und pochiertem Lachs oder Kabeljaufilets werden auf Hügeln von zerschredderten Eiswürfeln Krustentiere, Muscheln und Meeresfische angeboten. Die Zürcher Teilhaber wollen dabei ihr angestammtes Terrain rasch verlassen und ein enges Netz von Filialen über die ganze deutschsprachige Schweiz knüpfen. Im Businessplan von Candrian Seafood sind jedenfalls 14 Nordsee-Filialen bis Ende 2002 vorgesehen. Schon im Dezember eröffnet eine Nordsee-Snackbar im Bahnhof Winterthur.

Wird aber die Schweizer Kundschaft anbeissen, wenn die Nordsee ihre Angeln in die schwierigen helvetischen Gewässer auswirft? Immerhin haben die Nordsee-Macher erkannt: Ganz ohne Egli und Felchen auf der Menükarte geht es nicht.

Insgesamt zeigt sich Simone Berger, Sprecherin der Candrian Seafood AG, optimistisch und verweist auf das Paradebeispiel Österreich. Dort ist die Nordsee Anfang der Neunzigerjahre zum ersten Mal auf den Markt gekommen. Heute leuchten die blauen Neonbuchstaben mit dem roten Fisch schon vierzig Mal im ganzen Land auf, und jährlich kommen fünf bis zehn Filialen hinzu. "Die beiden Länder Österreich und Schweiz sind durchaus vergleichbar", sagt Simone Berger.


Umweltschützer verlangen Fangnetze mit grossen Maschen

Die schön inszenierte Food-Landschaft im Meeresbuffet des Hauptbahnhofs täuscht über ein Problem hinweg: Gerade in der Nordsee sind immer mehr Fischarten vom Aussterben bedroht. Ironie dabei: Als 1896 die Nordsee Dampffischerei-Gesellschaft mit sieben Dampfern ins Meer stach, verdrängte sie die dümpelnden Segler und setzte damit das Fanal für die technische Hochrüstung zu See. Schon im Januar 1900 heisst es in den "Mittheilungen des Deutschen Seefischerei-Vereins": "Die vorhandenen Fischgründe der Nordsee reichen offenbar für die zu stark gewachsene Flotte nicht mehr aus."

Das Dampfzeitalter nimmt sich allerdings idyllisch gegen die schwimmenden Fischereifabriken von heute aus, die gnadenlos mit Echolot und Sonar die schwindende Beute von Hering, Kabeljau, Dorsch und Co. verfolgt. Mit monströsen Fanggeschirren - bis zu 18 Tonnen schwer - werden die Schwärme aus den Meerestiefen gehievt. Die Konsequenz ist fatal: Zu oft landen die Fische im Netz, noch bevor sie laichen können.

Schonende und nachhaltige Fangmethoden mit grossen Maschen für kleine Fische stehen deshalb bei den Umweltschützern ganz oben auf der Agenda. Denn die so genannten Beifänge sind zu einem entscheidenden Faktor bei der Schwindsucht der Fischbestände geworden. Alleine von den Fischfangflotten in der Nordsee werden mehr als eine Million von kleinen Fischen, Muscheln und Meeresgetier hochgezogen und - mehr tot als lebendig - wieder über Bord gekippt. Als Rezeptur gegen den gnadenlosen Raubbau empfiehlt Fischereibiologe und WWF-Mitarbeiter Mathias Egloff: "Quoten, Quoten, Quoten!"


70 Prozent der Fischbestände sind erschöpft oder überfischt

Doch der Ruf nach bestandessichernden Höchstfangmengen wird auf internationaler Ebene bisher kaum gehört. Hier gilt das Recht des Stärkeren und kaum die Einsicht in die Vernunft, dass die Zerstörung der Meeresfauna weit vorangeschritten ist.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO sind schon 70 Prozent der kommerziellen Fischbestände erschöpft oder überfischt. Der WWF hat deshalb 1996 analog zum Umweltlabel für Holz den Marine Stewardship Council (MSC) als Kontrollorgan gegründet, um den globalen Fischzug mit der Marktmacht der Konsumentinnen und Konsumenten zu zähmen. Die Idee ist simpel: Der Endverbraucher soll mit dem Kauf von Labelprodukten aus ökologischem Fang die zerstörerischen Industriefischer ausbremsen.

Seit vier Jahren nun versuchen Umweltschützer, Hersteller und Handel die unterschiedlichen Interessen von Ökonomie und Ökologie unter einen Hut zu bringen und die Kriterien für ein Fisch-Öko-Label zu bestimmen.


Migros und Coop: Mitglied beim Label für nachhaltige Fischerei

"Damit ein solches Label überhaupt etwas bewegen kann, muss ein bestimmtes Marktvolumen erreicht werden", erklärt Mathias Egloff. Immerhin machte mit dem Nahrungsmittel-Multi Unilever einer der grossen Fischverarbeiter von vornherein mit. Auch die Nordsee war 1996 als Unilever-Tochter bei MSC Marine dabei. Nach einem Besitzerwechsel ist nun die deutsche Fischhandelskette nicht mehr MSC-Zertifikatsnehmerin. "Wir werden uns aber auch ohne MSC-Mitgliedschaft an die Kriterien halten", versichert Nordsee-Sprecherin Kerstin Balk in Bremerhaven (D).

In der Schweiz als europäisches Pionierland für das MSC-Label könnte dies entscheidend sein. Denn die beiden Grossverteiler, auf deren Konto rund zwei Drittel des Schweizer Meeresfisch-Imports geht, sind bei den Labelprodukten dabei. Erst im September ist Coop MSC-Mitglied geworden, nachdem Migros in Aufholjagd um die fürs Öko-Image so wichtigen Labels bereits 1998 bei MSC eingestiegen ist.

Für die Weihnachtssaison wollen nun beide den ersten Wildlachs aus Alaska mit MSC-Label auf den Markt bringen. Bald wird Migros auch bei den Lan
gusten ein MSC-Produkt aus den Fanggründen Westaustraliens ins Sortiment aufnehmen können.

Coop wiederum will im Jahr 2001 mit den ersten Forellen aus Schweizer Zuchten mit Bio-Knospe aufwarten. Ob sich Nordsee hier mit nicht überprüfbaren Versprechen länger von einer MSC-Zertifizierung fern halten kann, wird die Zukunft weisen. "Wir werden jedenfalls die Firma Nordsee genau im Auge behalten", sagt WWF-Fischexperte Egloff.

Delf Bucher

11. Oktober 2000


Beitrag als PDF
Fischprodukte - Gnadenlose Fangmethoden: Ausrottung der Fischbestände
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Mehr als ein Drittel Sparpotenzial Migros und Coop: Gut verpackte Kundentäuschung Sparen beim Vorratseinkauf
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten